Sophies Erinnerungen
DIE ERSTEN 50 JAHRE

Die ersten 50 Jahre der "Sophie":
Eine Mädchenschule im Spiegel der Zeit
Erinnerungen ehemaliger Schülerinnen

1872 hieß es in einer Denkschrift von Mädchenschullehrern, es gelte, "dem Weibe
eine der Geistesbildung des Mannes in der Allgemeinheit der Art und der Interessen
ebenbürtige Bildung zu ermöglichen". Das Ziel allerdings war weniger die Erweiterung
des Wissens der Mädchen, sondern vielmehr: "Der deutsche Mann" sollte "nicht
durch die geistige Kurzsichtigkeit und Engherzigkeit seiner Frau an dem häuslichen
Herde gelangweilt" werden.
Die Entwicklung der Frauenbildung verlief in den europäischen Ländern sehr un-
terschiedlich. In der Schweiz gab es bereits 1871 die ersten Medizinstudentinnen,
und 1879 wurde in Oxford das erste College für Studentinnen errichtet. Auch die
erste preußische Abiturientin, Hildegard Wegscheider (1871-1953), bereitete sich
in der Schweiz privat auf das Lehrerinnen-Examen vor, bestand es 1892, machte
1894 Abitur und studierte anschließend Geschichte, Englisch, Deutsch und Religion.
1898 promovierte sie als erste Frau zum Doktor der Philosophie in Halle.
In Deutschland machte die Frauenbildung nur sehr langsam Fortschritte. Persön-
lichkeiten wie die Lehrerin Helene Lange (1848-1930) kämpften für die Gleichbe-
rechtigung in der Ausbildung. 1887 forderte sie eine Neuordnung des Mädchen-
schulwesens unter der Leitung von Frauen auf der Grundlage einer den männlichen
Kollegen gleichberechtigten, wissenschaftlichen Vorbildung der Lehrerinnen. Sie
gründete und leitete 1889 die Berliner Realschulkurse für Frauen, die sie vier Jahre
später in Gymnasialkurse umwandelte. Die kulturelle Ausprägung und die soziale
Auswirkung der weiblichen Persönlichkeit erhob sie zum Ziel der Frauenbewegung.
1896 bestanden sechs Schülerinnen am königlichen Luisengymnasium zu Berlin
ihr Abitur, alle mit "gutem Erfolg". Sie waren die ersten Frauen, die in Deutschland
ihre Hochschulreife erlangten.

02.03.1897
Der Magistrat der Stadt Hannover gründet für die Oststadt die Höhere Töchterschule III.

27.04.1897
Der Unterricht beginnt mit 22 Schülerinnen der Klasse 9 (der untersten Klasse) in
der Ludwigstrasse 6 unter Oberlehrer Dr. Hermann Schmidt, der zum Leiter der An-
stalt ernannt wird. Der Unterricht findet später in einer umgebauten Wohnung in
der Sedanstraße 48 statt.
Während sich das Frauenstudium in Deutschland erst langsam durchsetzt, führen
die wissenschaftlichen Arbeiten von Marie Sklodowska-Curie in Paris schon zum
Nobelpreis. Als Maria Sklodowska (1867-1934) in Warschau zur Welt kam, war ihre
Mutter Leiterin eines der angesehensten Mädchenpensionate der Stadt. Maria
konnte ihre Schulausbildung in Polen abschließen, dort aber nicht studieren, denn
Frauen waren an polnischen Universitäten nicht zugelassen. 1891 ging sie zum
Studium nach Frankreich. Trotz sprachlicher Schwierigkeiten und finanzieller Nöte
schnitt sie 1893/94 als Beste bei der Prüfung für Physik und als Zweitbeste in
Mathematik ab. Nachdem sie vergeblich versucht hatte, in Polen eine Arbeitsstelle
zu finden, legte sie 1896 in Paris in ihren Fächern - als Beste - eine weitere Prüfung
ab, die es ihr gestattete, den Professorentitel zu führen und an Mädchenschulen
zu unterrichten. 1898 entdeckte sie Radium und Polonium. Für diese Leistung er-
hielt sie zusammen mit ihrem Mann Pierre Curie und Henri Becquerelle 1903 den
Nobelpreis für Physik, 1911 einen zweiten für Chemie.

28.04.1898
Der Magistrat beschließt auf Vorschlag von Dr. Schmidt, die Schule bei Bezug des
neuen Schulgebäudes nach der Kurfürstin Sophie von Hannover (1630-1714) zu be-
nennen.

Mai 1898
Die Bauarbeiten beginnen in der Seelhorststraße 5; der Architekt ist Paul Rowald
(1846-1920), der mehrere Schulen in Hannover gebaut hat.

09.01.1900
Auf Beschluss des Magistrats wird der Oberlehrer Dr. Hermann Schmidt zum Direktor
ernannt, und die Stadttöchterschule III erhält schon jetzt den Namen "Sophienschule".

23.04.1900
Die Sophienschule, mit 11 Klassen und 362 Schülerinnen, wird festlich eingeweiht
mit Feiern in der Aula, im "Tivoli" und im "Neuen Haus".
Ab 1901 dürfen in Baden Schülerinnen höhere Knabenschulen besuchen, und das
Frauenstudium wird zugelassen. Nicht nur Absolventen der humanistischen Gym-
nasien, sondern auch Absolventen der Realgymnasien und der Oberrealschulen er-
halten die Erlaubnis zu studieren.

1902
Gymnasiale Frauenbildungskurse, aus privater Initiative entstanden, seit 1900
"Gymnasialkurse für Mädchen" genannt, werden nun in der Sophienschule durchge-
führt und führen zur Reifeprüfung, die aber noch außerhalb abgelegt werden muss.

1904
Die Sophienschule nimmt mit ihrem Bau und ihren vorbildlich eingerichteten
Schulräumen an der Weltausstellung in St. Louis teil und erhält eine Silbermedaille
und ein ehrenvolles Diplom.

Dr. Friedel Beerhenke:
"Unsere ersten 6 Abiturientinnen bestanden 1904 an einem Hamelner Gymnasium
die Reifeprüfung. Sie waren in privaten Kursen des Frauenbildungsvereins in un-
serm damals neuen Schulgebäude für das Abitur vorbereitet worden. Es wird erzählt,
daß sie nach ihrer Rückkehr in die Sophienschule mit Lorbeerkränzen geschmückt
wurden, verdientermaßen, denn sie hatten sicherlich mehr leisten müssen als ihre
männlichen Mitbewerber, denn gegen das Abitur und das Studium der Mädchen
gab es zur Zeit mannigfache Vorurteile. Väter z.B. hatten Sorge, daß sich solche
gebildeten Blaustrümpfe auf dem Heiratsmarkt nicht absetzen ließen. Das veran-
laßte einen Direktor unserer Schule, Dr. Wülker, in einer Statistik nachzuweisen,
daß Abiturientinnen prozentual genau so oft geheiratet wurden wie die Abgänge-
rinnen aus dem Lyzeum.
In den folgenden Jahren hatten die privaten Kurse um ihr Fortbestehen zu kämpfen.
In einem Jahr hatten sich nur drei Mädchen bereitgefunden, das Abitur zu machen.
Man beratschlagte, was zu tun sei; aber man gab nicht auf und nannte diese Klasse
den 'Maikäfer', weil die drei zusammen sechs Beine hätten."

Während in Preußen erst 1904 Frauen zum Examen für Gymnasiallehrer zugelassen
wurden, promovierte die taubblinde Helen Keller (1880-1968) im selben Jahr zum
Doktor der Philosophie. Durch eine Krankheit im Kleinkindalter wurde Helen taub
und blind. Mit Hilfe ihrer selbst schwer sehbehinderten Privatlehrerin Anne Sullivan
und ihrer eigenen sehr starken Persönlichkeit gelang es, sie so weit zu bringen,
dass sie 1896 mit 16 Jahren eine weiterführende öffentliche Schule in ihrer Heimat-
stadt in den USA besuchen konnte. Später studierte sie am Redcliff-College in
Cambridge.

Dr. Gertrud Federschmidt, geb. Lillie, Abitur 1905
"Als Hannoveranerin trat ich in die neugebaute Sophienschule ein. Zur Einwei-
hungsfeier durfte ich auch den Festreigen mit aufführen und war natürlich mit
meinen Gefährtinnen stolz, mit dazu ausgesucht zu sein. Jeden Sommer fand das
Schulfest im Tiergarten statt mit Umzug durch den Park; unter Anführung von
Herrn Direktor Schmidt endete er mit einem "Hoch" auf den Kaiser. Auch heitere
Klassenausflüge sind mir in Erinnerung geblieben.
Die Frauenbewegung machte unter Helene Lange und Gertrud Bäumer große Fort-
schritte. Das Frauenstudium wurde erreicht. In Hannover wurde die Sophienschule
aufgestockt und die gymnasiale Studienanstalt für Mädchen eingerichtet. Unter
Auslassung der 'Selekta' trat ich in die Obertertia ein und machte nach dem Ab-
schluß der Oberprima das Abitur. Wir hatten außer den Lehrern von der Sophien-
schule auch noch Lehrer von den Knabenschulen und waren, wenn ich mich recht
erinnere, die erste Klasse, die den Abschluß als interne Schülerinnen im eigenen
Gebäude machten, etwa 8 bis 10; der nächste Jahrgang war schon doppelt so
stark."

Erinnerung einer Schülerin von 1906:
"Meine erste Erinnerung an die Sophienschule führt zurück zu einem Sommermor-
gen des Jahres 1906. Erst seit wenigen Wochen gehörte ich zu den ABC-Schützen
der untersten Klassen. Da widerfuhr mir das Mißgeschick, daß ich um einige Minu-
ten 'zu spät' kam - nun stand ich vor der hohen Tür, die nicht mehr einladend
geöffnet war, sondern sich um Punkt 8 Uhr strenge geschlossen hatte: Vergeblich
mühte ich mich, die schweren Flügel zu bewegen - sie waren für die Hände einer
Sechsjährigen viel zu gewichtig! Nie hätte ich gewagt, auf den für mich sowieso
unerreichbar hohen Klingelknopf zu drücken: Was blieb mir also übrig, als bitter-
lich weinend nach Hause zu laufen, die Mutter zu holen und mit ihrem tröstlichen
Beistand schließlich der ehrfurchtgebietenden Schultür doch noch beizukommen."

Seit dem Wintersemester 1906/07 dürfen Frauen in Preußen am Universitätsstu-
dium teilnehmen, aber nur als Gasthörer. Von dieser Regelung ist auch Lise Meitner
(1887-1968) betroffen. Als Tochter jüdischer Eltern in Wien geboren promoviert
sie als zweite Frau in Österreich im Fach Physik. Um "ein wirkliches Verständnis für
Physik" zu gewinnen, geht sie 1907 zu Max Planck nach Berlin. In den ersten Jah-
ren darf sie aber die Labore der Studenten nicht betreten, sondern muss in "einer
Holzwerkstatt im Keller mit eigenem Eingang" forschen. Den Professorentitel er-
hält sie 1919, habilitiert 1922 und wird 1926 außerordentliche Professorin der
Universität Berlin. 1938 muss sie nach Schweden emigrieren. Obgleich Einstein
die Österreicherin die "deutsche Madame Curie" nannte und ihre geistige Führungs-
rolle in der Forschungsgruppe anerkannt war, erlangte sie nie den Bekanntheits-
grad und den Ruhm ihrer beiden männlichen Teamkollegen Otto Hahn und Fritz
Straßmann. Selbst der Nobelpreis wird 1944 nur Otto Hahn zuerkannt.

1907
Der Magistrat übernimmt die "realgymnasialen Kurse" in seine Verwaltung.

1908
Das zehnklassige Lyzeum wird um die "Realgymnasiale Studienanstalt" erweitert,
die ab Untertertia in sechs Jahren zur Reifeprüfung führt.

Das preußische Kultusministerium führt 1908 die Mädchenschulreform durch mit
der Begründung, dass "auch der Verstand der Mädchen in Zukunft ausgebildet wer-
den soll, nicht nur Gefühl und Ästhetik". Grundlage der Mädchenerziehung bildet
die "Höhere Töchterschule". Das Lyzeum vermittelt in einem Zweig hauswirtschaft-
liche und soziale Fertigkeiten und in einem anderen einen dreijährigen wissen-
schaftlichen Unterricht. Ein daran anschließendes höheres Mädchenseminar bildet
zur Volksschullehrerin fort. Zum Abitur führt die "Studienanstalt", in die im 7. oder
8. Schuljahr gewechselt werden kann.
Erst im Rahmen dieser Reform werden auch Studentinnen an den Universitäten
zugelassen. Den preußischen Professoren wird jedoch das Recht eingeräumt, selbst
zu entscheiden, ob sie junge Frauen zu ihren Vorlesungen zulassen.

1910
Die Sophienschule erhält als erste Hannoversche Mädchenschule die Berechtigung,
in Anwesenheit eines königlichen Kommissars die Reifeprüfung selbst durchzuführen.

1914-1918
Der erste Weltkrieg bringt große Einschränkungen für den Unterricht, durch Mangel an
Heizmaterial, durch notwendige Hilfsarbeiten der Schülerinnen und vor allem durch
Einquartierung von Soldaten.

Über die Schulzeit von 1909 bis 1919 berichtet die Klasse 1B bei der 50-jährigen
Jubiläumsfeier des Lyzeumsjahrgangs 1919.

Gertrud Schönberg-Gelpke erinnert:
"Wißt ihr's noch? Unsere Schulfeste im Tiergarten mit dem feierlichen Umzug mit
Schulfahne, Klassenfahnen- und Schleifen und Musikkapelle, Herr Heuke voran?
Feuerwerk und Ausmarsch mit Lampions, von denen viele einen Flammentod erlit-
ten. Denkt ihr noch an die feierliche Versammlung in der Aula nach den Sommer-
ferien 1914? Etliche Lehrer in Uniform, einige Lehrerinnen noch nicht vom Aus-
landsaufenthalt zurück. Handarbeitsstunde: Strümpfe stricken, Schals, Ohrenschützer,
Leibbinden. Wir prünten eifrig, nicht immer erfolgreich.
Wißt ihr noch die Verkündung von Siegesnachrichten auf dem Schulhof? Siegesfrei
gab es nur im Anfang, später hieß es: 'Unsere Soldaten haben auch nicht frei.'
Unter diesem Motto fiel in den nächsten Sommern auch das gewohnte Hitzefrei
aus. Die Zeiten wurden ernster, Schulausfall wegen Kohlenmangels. Frierend saßen
wir in unseren Mänteln zum Aufgabenempfang in der Klasse. Aber dann wurde es
interessant! Bucheckernsammlung zur Oelgewinnung. Wie krochen wir im feuchten
Herbstwetter auf dem Waldboden umher! Wie eifrig rupften wir Blätter, ohne genau
zu wissen, wozu eigentlich, doch mit dem stolzen Gefühl, etwas fürs Vaterland zu
leisten. Und dann der Unterricht in Ersatzräumen, Englisch bei Veras Eltern, Fran-
zösisch bei Lotte, Deutsch in der Sakristei der Gartenkirche. Wo hatten wir eigent-
lich Mathematik? Ach, und wie vergnügt richteten wir nach dem Waffenstillstand
die Schule her für heimkehrende Soldaten, schleppten Bänke, Tische und Stühle,
stopften Strohsäcke. Die Schwere des historischen Geschehens ging uns nicht auf
- das kam erst später.
Die Besichtigung der Schule fing im Erdgeschoß an. Die alte Standuhr im unteren
Flur rechts fehlte zwar, aber das Treppenhaus war unverändert. Im Geiste waren
wir in unserer alten Schule, suchten und fanden unsere alten Klassen, auch wohl
unsere alten Plätze. Und dann betraten wir die Aula. Etwas verändert ist sie schon,
doch wieder kamen Erinnerungen an Sedan-Siegesfeiern, an die Schulkonzerte.

Amalie Schmidt-Hofbauer sagte wie einst vor 60 Jahren zwei Gedichte auf, die sie
noch bestens auswendig konnte, wir lebten ja damals noch in der Kaiserzeit! Knix
vorher - Knix hinterher:

Der Mädchen Wunsch
Oh Lust an Putz und Trödel, oh Weiberstand, fahr hin!
Mich reut's, daß ich bin ein Mädel, nichts wie ein Mädel bin.
Ein Mann, ein Held, ein Sieger, wie klingt das glockenrein -
Ich möcht' ein deutscher Krieger, ein Krieger möcht' ich sein. -
Ein Rösslein möcht' ich haben, ein Schlachtschwert, breit und fest.
Behende wollt' ich traben, wenn's zur Attacke bläst.
So wie der Gottesstreiter Sankt Michel querfeldein,
ich möcht' ein deutscher Reiter, ein Reiter möcht' ich sein.
Den Herrn, der all' die Massen, die sieggewohnten, lenkt,
welch Glücksstrom muß ihn fassen, wenn er der Kunde denkt:
die grünsten Lorbeerreiser, die kühnsten Schar'n sind mein,
ich möcht' der deutsche Kaiser, der Kaiser möcht' ich sein!!

Kaiser's Geburtstag 1910
Hurrah, heut ist ein froher Tag, des Kaisers Wiegenfest!
Wir freuen uns und wünschen Ihm von Gott das Allerbest!
Er ist so gut, er ist so mild, wir weih'n ihm Herz und Hand.
Gott segne ihn, der Kaiser "Hoch" und "Hoch" das Vaterland!"

Am 6. März 1915 fand die Entlassung von 19 Abiturientinnen in der Sophienschule
statt. Genau 50 Jahre später, am 6. März 1965, fanden sich sieben von ihnen zur
Feier des goldenen Abiturs in der Aula ihrer alten Schule ein:

Dr. Margarete Gillet, Abitur 1915
"Als wir Abitur machten 1915, da war schon Krieg, da war die Fröhlichkeit schon
überschattet von schwerem Erleben. Dieser erste Weltkrieg, in den unsere Studien-
jahre fielen, hat uns viel gekostet an menschlichen Verlusten, an materiellen
Entbehrungen - ja, wir sind zweimal in unserem Leben durch Kriegs- und Nachkriegs-
jahre der beiden Weltkriege fast gescheitert, aber die meisten von uns sind hindurch-
gekommen! So denken wir heute bewegt und dankbar an unsere Mädchenjahre in
diesen Räumen zurück.
Wilhelm von Humboldt sagt: 'Was im Menschen gedeihen soll, muß aus seinem
Innern entspringen, nicht ihm von außen gegeben werden, und was ist ein Staat
anders als eine Summe menschlicher, wirkender und bleibender Kräfte?' Die Wege
zu fast allen Berufen, die einst die Frauenbewegung erstrebte, stehen Ihnen als
selbstverständlich offen. Die volle Mitverantwortung in Staat und Gesellschaft, die
junge Generation der Frau in Ehe und Familie ist so fest verankert, daß die junge
Generation gar nicht mehr weiß, was das bedeutet! Wir goldenen Abiturientinnen
haben im Jahre 1919 zum ersten Mal in der deutschen Geschichte mitwählen dürfen."

Dr. Irmgard Engelke, Abitur 1917
"Ja, wißt Ihr noch? will ich nun schon mal anfangen, um bei den einen Erinne-
rungen und bei den anderen Vorstellungen der damaligen Zeit zu wecken - wißt
Ihr noch, daß es damals etwas Besonderes war, auf's Gymnasium zu gehen, und
daß manche von uns die Erlaubnis von ihren Eltern mühsam erringen mußten? Daß
auch am Ende der Untertertia ein ziemlich großer Teil unserer Klasse in die Mäd-
chenschule, Lyzeum hieß es wohl, zurückging, weil sie sich doch etwas anderes
unter dem Gymnasium vorgestellt hatten? Wißt Ihr noch, wie wir am Anfang des
Krieges 1914 zum Oberpostdirektor Hannover und zum Chefarzt des Henrietten-
stiftes gingen, um unsere Hilfsdienste anzubieten, die wir auch verrichten durf-
ten, bis nach 14 Tagen die Schulbehörde den uns erteilten Urlaub zurückzog? Wie
im Februar 1917, als wir die schriftliche Prüfung ablegten, gerade Kohleferien
waren, so daß wir im einzigen geheizten Klassenzimmer saßen, das noch nicht
einmal groß genug war, um zwischen den Plätzen den sonst vorgeschriebenen
Abstand innezuhalten?"

Elisabeth Meißner, Abitur 1918
"Unsere mündliche Prüfung fand am 13.02.1918 statt. Zwar fiel der Tag in die
dunkle Zeit vor dem trüben Ende des 1. Weltkrieges; aber für uns war es sicher ein
schöner, froher Tag, weil alle bestanden, und als wir abends bei völliger Dunkelheit
in einem leeren Klassenraum zusammensaßen und ein letztes Mal wie so oft vorher
miteinander sangen, da waren wir sehr glücklich."

23.01.1919
Der Unterricht wird wieder in vollem Umfang aufgenommen.

1919 wird die Weimarer Republik gegründet. Frauen erhalten das Wahlrecht.

Adelheid Heuser, Abitur 1919
"Unsere Reifeprüfung fiel in die düsteren Monate nach dem Zusammenbruch
Deutschlands im Winter 1918/1919. Manche Erinnerungen an diese Zeit sind noch
ganz lebendig. Sämtliche Schulen waren schon längst beschlagnahmt als Notun-
terkünfte für das unter Hindenburg aus Frankreich zurückflutende Heer. Ich ent-
sinne mich, daß wir Oberstufenklassen tagelang in den leergeräumten Klassen der
seltsam verödeten Schule zu tun hatten, um Strohsäcke zu stopfen als Notlager
für die Soldaten. Für die meisten Klassen fiel der Unterricht monatelang aus, für
die Abiturklassen wurde eine Notlösung gefunden. Eltern einiger Mitschülerinnen,
deren Wohnungen ausreichend große Räume hatten, stellten diese täglich für eine
Reihe von Stunden zur Verfügung. Wir fanden dies Normadenleben trotz der sehr
kärglichen Heizmöglichkeiten im Grunde recht unterhaltsam! Bis zur schriftlichen
und mündlichen Prüfung war die Schule freilich schon wieder zu unserer Verfügung
- beide fanden im Zeichensaal statt.
Ich war ihre Schülerin von 1906 bis 1919; erlebte also mit wachem Bewußtsein
zuerst noch tiefste Friedenszeiten, dann aber alle Erschütterungen des ersten
Weltkrieges in dieser Gemeinschaft. Viele einzelne Bilder aus diesen Jahren stehen
vor mir; erst im Rückblick verbinden sie sich zu dem gerundeten Bild eines höchst
lebendigen, vielseitigen Organismus, der aber in allem Wesentlichen harmonisch
wirkte. Erst viel später ging mir auf, auf welch wohltuend gesundem Fundament
Arbeit und Leben dieser Schule ruhten: einer selbstverständlich wirkenden Verbin-
dung von Zucht und Freiheit, die sich nie gegenseitig das Feld streitig machten,
sich vielmehr aufs beste ergänzten! In äußeren Dingen herrschte eine Ordnung
und Disziplin, die der heutigen Generation gewiß höchst wunderlich, wenn nicht
gar abschreckend erscheinen würde. Uns bedrückte sie nicht: wuchsen wir doch so
selbstverständlich und unmerklich in sie hinein, daß uns nicht der Gedanke kam,
es könnte sich etwa ohne sie leichter und angenehmer leben. Wir waren daran ge-
wöhnt, auf Fluren und Treppen, in der einst so beliebten 'Wandelhalle' und sogar
auf dem Hofe eine gewisse Ordnung zu wahren. Pünktlichkeit war für uns zur Regel
geworden. Und alle diese Dinge äußerer Zucht waren für uns keineswegs ein ver-
haßter Zwang, kaum eine lästige Fessel: Wir lebten in diesem Rahmen genau so
vergnügt und unbeschwert wie andere Schülergenerationen ohne sie. Was aber
- ganz selbstverständlich - auch uns hier oder da wunderlich oder verschroben
vorkam, das nahmen wir allenfalls mit einer leichten Dosis Spott und Gelächter auf
und amüsierten uns königlich dabei! Unnötig, sich über dergleichen zu ereifern!
Denn kaum je geschah es, daß derartige 'Gesetze' mit Starrheit und Härte erzwungen
wurden."

Die zwanziger Jahre bringen einige reformerische Ideen und Strömungen für die
schulische Erziehung: Rudolf Steiner gründet die freie Waldorfschule, von Peter
Petersen erscheint "Gemeinschaft und freies Menschentum, die Zielforderungen
der neuen Schule", und er fordert in seinem "Jenaplan" Schule mit "lebendigem
Gruppenunterricht" gegen "Lern- und Lehrschulen". Die erste Professorin für Päd-
agogik, Anna Siemsen, spricht von "Erziehung im Gemeinschaftsgeist".
1920 wird im Reichsgrundschulgesetz der arbeitsfreie Nachmittag für Schul- und
Spielturnen eingeführt.

Magarete Willgeroth geb. Röpke, Abitur 1920
"Es war noch keineswegs für ein Mädchen allgemein üblich, ein Gymnasium zu be-
suchen, ja, man hielt das gelegentlich sogar für ungehörig. Ich erinnere mich an
eine Warnung befreundeter Göttinger Studenten an mich, man würde mich nicht
kennen dürfen, falls es mir einfallen sollte, in Göttingen zu studieren. Manche von
uns mußten sich sogar in ihren eigenen Familien mühsam durchsetzen. Nur unsere
Lehrer hielten ohne Vorbehalt zu uns."

1921 erhalten die Frauen das Recht zu habilitieren und können damit eine Hoch-
schullaufbahn einschlagen.
Die USA organisieren Hilfsaktionen für Deutschland: Schulspeisung durch die Quäker.

Dorothea Sachau geb.Visbeck, Abitur 1921
"Wir waren damals 12. Hinter uns lag der Krieg, der mit großen menschlichen Ver-
lusten und Entbehrungen verbunden war. Man stand im Vorfeld der drohenden
Inflation. Mit Rücksicht auf die wirtschaftlichen Verhältnisse der Eltern war es einigen
nicht möglich, ein Studium zu beginnen. Und später kam der 2. Weltkrieg mit seinen
schweren Zerstörungen unserer Städte - Sie wissen, wie sehr Hannover zerbombt
war - und den erneuten Verlusten an Menschen, die uns viel bedeuteten.
Doch damals lag das Leben noch vor uns. Durch unsere Lehrerin Frau Dr. Wurmb,
die von vielen von uns verehrt wurde, waren wir immer wieder darauf hingewiesen
worden, daß das mühsam erworbene Recht zum Studium für Frauen uns eine be-
sondere Verpflichtung auferlegte und wir uns dieser Verantwortung würdig zu er-
weisen hätten. Nun, bei einem Besuch einer Freundin, fragte ich: 'Ilse, wie ist es
denn nun mit dem Studium?' Sie sagte: 'Ja, weißt Du, Tante Anni hat uns ja auf
vieles vorbereitet, aber sie hat nicht gesagt, daß an der Universität auch Männer
sind - und daß diese Männer auch was von uns wollen!'"

Zu Beginn der 20er Jahre zeigt der "Bubikopf" ein sich veränderndes Schönheits-
ideal und geht einher mit neuem Selbstbewusstsein unabhängiger Frauen.
1922 heißt es in einem Artikel der Zeitschrift "Die Dame": "Der Pagenkopf hat bei
ganz jungen Mädchen manchmal seinen Reiz. Dennoch hat er nicht viel Daseins-
berechtigung. Er stammt aus der Kriegszeit, in der die Frauen in jeder Hinsicht
trachteten, die Männer zu ersetzen, auch im äußeren Bilde. Die Annäherung des
weiblichen und männlichen Typs ist eine Dekadenzerscheinung. Das kurze Haar ist
bequem, ... die Frauen machen es sich überhaupt bequem ..."

Martha Kunz geb. Haase, Lyzeumsabgang 1923
"Die ganze Schulzeit stand im Zeichen des Krieges und der Nachkriegszeit. Vor al-
lem herrschte Kohlennot. Die Schule wurde in einem Winter - es war wohl 1919 -
geschlossen. Die Eltern einer Mitschülerin stellten in ihrer großen Wohnung am
Lister Platz einen geheizten Raum zur Verfügung, und wir wurden dort von Fräulein
Hagemann in zwei Gruppen unterrichtet. Später wurde in Hannover-Linden eine
große Volksschule durchgeheizt, und mehrere Schulen konnten dort im Wechsel
unterrichten.
Wie bekannt, war die Ernährungslage katastrophal, und auch an unserer Schule
gab es Schülerinnen, die zur Besserung ihres Gesundheitszustandes zur Quäker-
und Holländerspeisung eingeteilt wurden. Ich gehörte zu ihnen. Erst 1921 besserte
sich die Ernährungslage. Bis dahin hatten wir für die Schule Obstkerne getrocknet
und klassenweise in den Wäldern, vor allem im Deister, Bucheckern gesucht und zu
Sammelstellen gebracht.
In den 'Grüßen' lese ich seit vielen Jahren, was für herrliche Einrichtungen mit der
Zeit den jungen Leuten zur Verfügung gestellt wurden. Da ist das Schullandheim,
das inzwischen sogar schon einige Male umgebaut worden ist, Schüleraustausch,
Leistungskurse, Besuche in Großstädten und im Ausland, Partnerschaften und Arbeits-
gemeinschaften.
Ganz ohne solche Freuden waren wir nicht, wenn sie auch vergleichsweise beschei-
den waren. Der Schulausflug, einmal im Jahr, führte uns in den Deister oder Süntel
und einmal nach Hildesheim. Fräulein Nickel gab im Sommer Schwimm-Unterricht,
in der Goseriede und im Flußbad Ihme. Kalle Meinberg veranstaltete mit dem
Schulchor, in dem ich wegen meiner tiefen Stimme eine Rolle spielen durfte, und
einigen Klavierschülerinnen Schulkonzerte, die immer gut ankamen. Radio war noch
unbekannt. Im Sommer 1923 war erstmals eines zu hören.
Nach unserm Schulabgang, den wir groß im 'Neuen Haus' feierten, lud unser Deutsch-
lehrer Professor Ey unsere Klasse regelmäßig zu sich in seine Wohnung zu Literatur-
abenden, an denen ich leider nur noch ein Jahr teilnehmen konnte, da ich dann
Hannover verließ."

Else Alpers, Abitur 1923
"1917 traten 44 Mädchen in die Untertertia ein. Sie kamen nicht nur aus den hie-
sigen Lyzeen, die der Hannoveraner wie anno dazumal noch Höhere Töchterschule
nannte. Manche kamen von weit her: aus Holzwickede in Westfalen, von der hol-
ländischen Grenze und aus dem Bremer Hinterland. Unsere Realgymnasiale Studien-
anstalt, mit 6 Klassen der Sophienschule angegliedert, führte nämlich zu einem
vollgültigen Abiturientenexamen. Der freie Zugang zur Universität war für uns
Mädchen damals noch etwas Besonderes, und wir Neulinge bildeten uns allerlei ein.
Wir zogen zum Direktor und stellten den Antrag, wie die Gymnasiasten Schüler-
mützen zu tragen, um uns von den Lyzeumsmädchen zu unterscheiden, waren also
nach heutigem Sprachgebrauch durchaus elitär gesonnen.
Der wirkliche 'Geheime Rat', der mit seiner Kaiserlichen Majestät, Wilhelm II, ein-
mal auf der Hohenzollern-Yacht hatte mitfahren dürfen, besaß zwar viel Sinn für
Prestige, aber genug Humor, um uns zu erklären, es käme nicht darauf an, was
man auf dem Kopf, sondern im Kopfe habe.
Unsere weiterhin unbemützten Köpfchen mußten wir nun mächtig anstrengen.
Nach dem ersten Halbjahr gingen schon 11 ins Lyzeum zurück, von den übrigen 33
gelangten 22 in die Obersekunda und in der Oberprima, da waren's nur noch 11.
Also genau ein Viertel schaffte das Abitur.
Jene Nachkriegszeit hatte die große Unsicherheit in aller Leben gebracht. So war
es verständlich, daß fünf von uns erst einmal die Seminarklasse des Oberlyzeums
besuchten und nach einem Jahr schon Lehrerin waren. Von diesen fünf absolvier-
ten dann drei noch ein pädagogisches und naturwissenschaftliches Universitäts-
studium, zwei promovierten.
Auf die Technische Hochschule gingen gleich nach dem Abitur unsere beiden Jü-
dinnen und promovierten als Chemikerinnen. Obgleich die eine, Else Löwenstein,
einen arischen Kollegen heiratete, wurde sie Opfer des Naziregimes. Die andere
konnte noch rechtzeitig in die USA emigrieren und hat sich dort nach dem Kriege
verheiratet. Unsere hochbegabte Mathematikerin studierte ebenfalls an der TH.
Sie war schon nach den ersten Semestern bezahlte Assistentin ihres Professors
- übrigens die einzige Werkstudentin unter uns. Sie erwarb früh den seltenen Grad
eines Dr. Ing. der Mathematik und ist eine international bekannte Forscherin ge-
worden, heute emeritierte Professorin der Stanford University, Mitglied der NASA."

16.01.1923
Direktor Wülker gründet den "Bund ehemaliger Schülerinnen der Sophienschule".

Ruth Rösing geb. Niephagen, Abitur 1924
"Wenn ich nun ein paar Erlebnisse erzähle, dann tue ich es deshalb, um den Unter-
schied aufzuzeigen von der Jugend und ihrer Einstellung von damals vor 50 Jahren
zu der Jugend von heute.
Die Jugendherbergen von damals waren unvorstellbar primitiv. Als Beispiel denke
ich da an Altenau im Harz, man wusch sich am Bach. In der sog. Jugendherberge
nächtigten wir auf Strohsäcken oben, d.h. mit einer Leiter zu erklimmen, unter
dem schrägen Dach und schliefen tatsächlich auch: einem Heuschober zu vergleichen.
Unten übernachteten Prof. Hoffmann (unser Klassenlehrer) und irgendwelche zwei
oder drei fremde Jünglinge. Wir ängstlichen Mädchen zogen mit Anstrengung die
Leiter hoch, damit uns niemand nachsteigen oder berauben könnte!
Es war Usus, daß die UI die Abi-Feier für die OI ausrichtete. Wir brachten also
Kocher, belegte Brote, Getränke, Blumen auf den Tisch mit. Wir hatten uns für die
Abschiedsfeier etwas Besonderes ausgedacht, die Verfilmung (Stummfilm) der
'Ahnfrau' von Grillparzer. Wir stellen also als Pantomime die gesamte Handlung auf
der Bühne dar. Der Text lief neben der Bühne auf der Rückseite von Tapetenrollen.
Zuvor aber - und das war wichtig - gingen alle erst mal in ein Kino, um Liebes-
szenen anzusehen und zu wissen, wie man so tut! Ich mußte beispielsweise den
Verführer der jungen Ahnfrau spielen!
Unser Abitur rückte heran, mit allgemein viel Fleiß vorbereitet. Am Vortage be-
stellte uns unser Klassenlehrer Prof. Hoffmann zum mehrstündigen Spaziergang
am Nachmittag in die Eilenriede. Und nach entsprechender Abendbrotpause hat-
ten wir vor dem Kino 'Weltspiele' zu erscheinen, wozu er uns alle großzügig ein-
lud. Jedem von uns brachte er eine Apfelsine mit, damals eine Rarität nach soeben
beendeter Inflation! Man saß unnumeriert. Neben mich hatte sich Hans Rösing
gesetzt, mit dem ich seit fünf Tagen verlobt war. Und in der Pause, die damals
üblich war, bot er uns zum Apfelsinen-Schmaus sein Taschenmesser an. Ursula von
Dincklage neben mir flüsterte: 'Eigentlich widerlich von so einem fremden Mann' -
Ich: 'Ooch, halb so schlimm.'
Herrlich abgelenkt durch Spaziergang und Kino ging's nun also am nächsten Tag
zum Abitur. Das war am 18. Februar 1924!"

15.01.1925
Der erste Jahrgang der "Sophienschul-Grüße" erscheint, und Direktor Wülker schildert
darin seine Überlegungen zu einem Landheim für die Sophienschule.

23.04.1925
Eine Festschrift würdigt das 25-jährige Jubiläum der Sophienschule.
Die Sophienschule befindet sich ganz im Trend mit dem Kauf eines schuleigenen
Landheims: 1927 wird die Zeitschrift "Das Landschulheim" herausgegeben.

15.05.1927
Am Tag der "Kalten Sophie" wird das Landheim in Hambühren eingeweiht. Landheim-
feste und Elternspenden haben den Kauf von Grundstück und Haus ermöglicht.

Dr. Gertraude Ils geb. Dieke, Abitur 1928
"Romantische Bürgertöchter also? Es war schon was dran an dieser Charakterisie-
rung. Das Musische spielte vielleicht in unserer Klasse eine größere Rolle. Wir
machten Musik, Gerda, Margrit und ich sangen im Chor der Mozartgemeinde, wir
rannten in Konzerte, ins Theater, in die Oper. Wir tanzten und hatten Liebesge-
schichten, wie man damals sagte. Mein Tagebuch ist voll von noch fast pubertärer
Schwärmerei. Über das Abitur fand ich nur einen Satz: 'Erstmal Abitur bestanden.
Es war wenig aufregend und hat mich im Grunde gar nicht berührt.'
Von Politik war nicht die Rede. Nur eine von uns war insgeheim unter dem Einfluß
ihrer Mutter leidenschaftlich politisch engagiert. Davon habe zumindest ich nie
etwas geahnt, und sie hat mir, als wir uns vor wenigen Jahren wiedersahen, ge-
sagt, wie isoliert sie sich unter uns Bürgertöchtern gefühlt habe. Unsere Väter
waren deutschnational, bestenfalls freimaurerisch-liberal, antisozialistisch, viele
antisemitisch. Ich glaube, daß unsere Lehrer in der Oberstufe politisch in der Mitte
oder links angesiedelt waren, demokratisch bis sozialdemokratisch. An den Jungen-
schulen war das wohl oft anders.
Die Politik hat uns alle dann sehr schnell eingeholt. An den Universitäten erlebten
wir die Auseinandersetzungen zwischen den deutschnationalen und nationalsozia-
listischen Studenten auf der einen, den zahlenmäßig weit unterlegenen sozialisti-
schen Studenten auf der anderen Seite. Zwangsexmatrikulationen dieser Linken
nach 1933, Berufsverbote, Untergrundarbeit, Verhaftungen, Konzentrationslager,
Volksgerichtsverfahren für Freunde und Bekannte.
Was internationale Solidarität damals in den Anfängen noch vermochte, das hat
mein späterer Mann am eigenen Leibe erfahren. In den Prozeß gegen die Wider-
standsgruppe, der er angehörte, haben Ausländer mit bekannten Namen, die Oslo-
er Juristische Fakultät und andere ausländische Universitäten telegrafisch einge-
griffen, indem sie den Vorsitzenden des Volksgerichtsverfahrens aufforderten, den
alten Rechtsgrundsatz 'nulla poena sine lege' nicht zu verletzen. Das hat sich ganz
erheblich auf das verhängte Strafmaß ausgewirkt. Später war das natürlich nicht
mehr möglich.
Heute, in der Rückschau, weiß ich, daß zumindest einige Lehrer versucht haben,
uns zu Zeitgenossen zu erziehen, zu Menschen, die die geistigen Strömungen der
Zeit zumindest in Ansätzen wahrzunehmen vermochten. Wir lasen z.B. in Deutsch
die berühmte Anthologie expressionistischer Lyrik ,Menschheitsdämmerung', 1920
von Kurt Pinthus herausgegeben. Wir lasen Arbeiterdichter wie Lersch, Gerrit Engelke,
Karl Bröger. Wir diskutierten bei Janiesch in Religion über Karl Barth und Gogarten.
Wir lasen in der Geschichtsarbeitsgemeinschaft bei Direktor Wülker die neu er-
schienene Memoirenliteratur über den Weltkrieg."

Lotte Döring geb. Franz, Abitur 1930
"Unsere Schulzeit zwischen 1924 und 1930 fiel in die Jahre vor Beginn des 'Dritten
Reiches'. Das gab uns die Chance, im Deutschunterricht Schriftsteller kennenzulernen,
deren Bücher später verbrannt worden sind. Auch in freiwilligen Arbeitsgemein-
schaften und in kleinen Kreisen lasen wir Hauptmann, Ibsen, Werfel, Hasenclever
und viele andere. Die AG's an den Nachmittagen in frei gewählten Fächern haben uns
viel gebracht. Auch für den Sport war ein Nachmittag im Stadion angesetzt. Bei
einem Stafettenlauf in der Eilenriede, 1924 oder 1925, hat eine Schülerin aus unserer
Klasse als letzte Läuferin der Sophienschule den Sieg gebracht.
Es gab Ansätze praktizierter Demokratie, erste Schritte zur Schülerselbstverwal-
tung, über die wir z.B. erreichten, daß eine Lehrerin, die wir in einer Lehrprobe
kennengelernt hatten, die Führung unserer Klasse übernahm.
Bei Frau Schultz, die uns als Klassenlehrerin (in Latein und Deutsch) zum Abitur
geführt hat, lernten wir die Anfänge einer Unterrichts-Reform kennen, die leider
in der Nazizeit aufgegeben wurde. Soweit ich mich erinnere, ging es um die Ab-
kehr vom Frontal-Unterricht; die Lehrerin stand neben den Bänken und ließ uns
frei miteinander arbeiten, was uns zunächst verblüfft hat, dann aber zu eigener
Initiative brachte. Auch sonst sind wir uns darin einig, daß wir in diesen Jahren die
Fähigkeit zu kritischem Denken und wissenschaftlichem Arbeiten gewonnen haben.
Was uns erspart blieb, war der Druck des 'Numerus Clausus'; wir durften noch unab-
hängig vom Notendurchschnitt die Studienfächer - oder andere Möglichkeiten der
Ausbildung - selbst wählen.
Aber das Lernen-Dürfen im Gymnasium und an der Uni war damals an sich schon
ein selbstgewähltes Privileg für ein Mädchen!
Zu den glücklichsten Erlebnissen unserer Schulzeit gehört natürlich alles, was mit
dem Landheim in Hambühren zusammenhing. Schon bevor wir - als erste Klasse!
- dort Einzug halten konnten, hatten wir gespart, gesammelt und geschafft dafür,
an Schulfesten und Elternabenden, wo wir einmal in der UIII (8. Klasse) unter der
Leitung unseres Klassenlehrers Direktor Wülker ein Spiel aus der Rokokozeit
aufführen durften. Später konnten wir die Vorarbeiten zum Aufbau durch Prof. Ey
miterleben.
Ich vergesse nicht, wie wir im Garten, auf dem Rasen liegend, mit Frau Schultz den
'Segen der Erde' von Knut Hamsun gelesen haben."

Karla Asbahr, Abitur 1932
"Unser Abitur 1932 war das letzte in geistiger Freiheit vor der Machtergreifung
durch den Nationalsozialismus. Wir haben das damals nicht gewußt. Aber manche
von uns haben es zu spüren bekommen: Sie konnten nicht studieren, wie sie es
beabsichtigt hatten; die Zulassung war erschwert - eine Parallele zur heutigen
Situation, aber aus anderen Gründen.
Wir haben erst später erfahren, in welcher kulturellen Freiheit wir bis 1932 aufwachsen
konnten. Dazu einige Beispiele aus unserem damaligen Schulleben: Wir haben im
Religionsunterricht 'Jeremias' gelesen, ein Drama des Juden Stefan Zweig. Wir haben
im Deutschunterricht mit unserer verehrten Frau Schultz Ausstellungen von Käthe
Kollwitz und Ernst Barlach besucht. Unsere Klasse hat in einer Vorführstunde für
die Reichsschulmusikwoche ein Streichtrio von Paul Hindemith besprochen unter
der Leitung unseres Musiklehrers Karl Meinberg. Diese Künstler - Stefan Zweig,
Käthe Kollwitz, Ernst Barlach, Paul Hindemith - damals modern - waren unter den
Nazis verfemt und verboten.
Wir haben im Sommer Unterrichtsstunden auf den Hof verlegt und in der Runde
diskutiert; die gelockerte Schulordnung war damals sehr neu! Und es gab im Laufe
der Schulzeit schon Projekte, wie man heute mit einem modernen Ausdruck der
Didaktik sagt - ein Projekt als eine Unternehmung, an der mehrere Gruppen und
Fächer gemeinsam arbeiten - unsere Projekte waren damals die Landheimfeste, an
denen wirklich die ganze Schule beteiligt war!
Ich zitiere aus einem Brief: 'Wir waren ja während der Weimarer Zeit im Gymnasi-
um. Und ich habe in meiner Schulzeit viele deutsche und geistige Werte in mich
aufgenommen und nie vergessen.' Das hat Ruth Beermann aus Haifa/Israel jetzt an
uns, ihre ehemaligen Mitschülerinnen, geschrieben. '... deutsche und geistige Werte
in mich aufgenommen und nie vergessen': Wir in Deutschland können nicht ermes-
sen, was es bedeutet, wenn eine Jüdin diese Worte in Israel denkt und schreibt.
Aber vielleicht ist es das gewesen, was uns unbewußt geholfen hat, nach den
zwölf Jahren der Nazi-Herrschaft, die unsere Generation ja sehr bewußt erlebt hat,
wieder anzuknüpfen an das, was vor 1933 in deutscher Kultur formend und be-
stimmend gewesen war und was bereit gemacht hat, allem Neuen gegenüber nach
1945, das vorwiegend aus dem Ausland zu uns kam, ungeheuer aufgeschlossen
und lernbegierig zu sein. Wir hatten sehr viel nachzuholen - Dichtung - Malerei -
Musik - aber wir waren bereit dazu."

Am 30. Januar 1933 wird Hitler Reichskanzler, und am 28. Februar setzt Hinden-
burg mit der "Verordnung zum Schutz von Volk und Vaterland" die verfassungs-
mäßigen demokratischen Freiheiten außer Kraft.
Mathilde Ludendorff - Ehefrau des Generals - gründet die antichristliche Zeit-
schrift "Am Quell deutscher Kraft". Darin wird die germanische Mythologie wieder-
belebt und die Rolle als Nur-Mutter und Hausfrau verherrlicht.
Erste Künstler und Intellektuelle verlassen Deutschland. Sigmund Freud schreibt
dem Emigranten Einstein: "Alles, was die Kulturentwicklung fördert, arbeitet auch
gegen den Krieg."

Bücherverbrennungen durch die SA.

Ruth Stachen geb. Lohmeyer, Abitur 1933
"Nach 50 Jahren auf das Abitur von 1933 zurückzublicken, erzeugt ausgesprochen
gemischte Gefühle. Am Vorabend des schriftlichen Abiturs nahm unser Klassenlehrer,
Herr Direktor Wülker, seine Klasse zu einem kleinen Ausflug mit, damit wir nicht noch
bis zuletzt büffelten. Wieder zu Hause, erfuhren wir, was viel wichtiger als unser Abitur
werden sollte: Adolf Hitler war Reichskanzler geworden. Es war der 30. Januar 1933.
So wird meine Generation mit anderen Maßstäben gemessen als irgendeine andere
Generation.
Wir müssen uns fragen lassen, was wir uns damals eigentlich gedacht haben und
wie wir es zulassen konnten, daß Hitler an die Macht kam. Ich selbst frage mich,
und ich frage die Abiturienten von 1983: Ist das gerecht? In Wahrheit wußten wir
damals über die Bedeutung der Machtergreifung Hitlers so gut wie nichts. Etwas
Vergleichbares war in der deutschen Geschichte noch nicht vorgekommen, nie-
mand hätte uns darüber aufklären können. Ein diktatorisches oder gar ein totali-
täres System war etwas absolut Neues, vergleichbar auch nicht mit dem Kaiser-
reich, das meine Generation auch nur vom Hörensagen kannte.
Wir waren aufgewachsen in einem Jahrzehnt großer politischer Turbulenzen und
wirtschaftlicher wie sozialer Nöte. Jeder hatte dieses auf irgendeine Weise zu spüren
bekommen. Unter uns waren nicht wenige Kriegswaisen, und viele Eltern hatten in
der Inflation von 1923 ihr ganzes Vermögen verloren.
Das ist das eine. Auf der anderen Seite verstand sich die Schule in jener Epoche
noch ganz und gar als ein nach außen geschlossener geistiger Raum. Sie nahm an
den politischen und sozialen Auseinandersetzungen in ihrer Umwelt nur verstoh-
len teil. Von uns Schülerinnen wurde erwartet, daß wir uns - schon wegen unserer
Jugend - von den politischen Aktivitäten außerhalb der Schule fernhielten.
Aus der Sicht Eurer Generation mag dies unverständlich und befremdlich erschei-
nen. Ihr werdet unterstellen, die Politisierung der Gesellschaft sei damals total
gewesen und hätte niemanden ungeschoren gelassen. In Wahrheit lebten wir Schüle-
rinnen von alledem ziemlich abgeschirmt. Wir hatten unsere privaten Sorgen und
Freuden, die sich vielleicht noch mehr auf den Schulerfolg bezogen als in der heu-
tigen Zeit. Das Echo der Politik auf den Straßen und in den Parteien drang kaum
bis zu uns.
In unserer Klasse hatten wir einige Jüdinnen, sie gehörten zu uns wie selbstver-
ständlich. Wir hatten Lehrerinnen und Lehrer, die wir mochten und die wir nicht
mochten. Ich kann mich nicht entsinnen, daß dabei politische Einstellungen eine
Rolle spielten.
Was will ich damit sagen? Zeitgenossen erleben die Ereignisse, die aus geschicht-
licher Sicht eine ungeheure Bedeutung erlangen können, meist gar nicht so aufre-
gend und spektakulär. Wir hatten damals, glaube ich, weniger Angst vor der Zu-
kunft als Eure Generation.
Was bedeutet dies für Sie, die Abiturientinnen von 1983? Sie leben in weitaus
geordneteren und gesicherteren Verhältnissen auf einem hohen Wohlstands-
niveau. Sie haben eine Schule durchlaufen, die sich der Gesellschaft gegenüber
geöffnet hat. Sie wurden den großen Problemen der Zeit gegenübergestellt und
haben gelernt, sich damit auseinanderzusetzen. Das alles und einiges mehr unter-
scheidet Sie von der Situation von 1933."

Karla Stille, Abitur 1934:
"Als wir Ostern 1924, nach den damals drei Grundschuljahren, in die Sophienschule
eintraten, war die Inflation gerade vorüber, und es begannen die Jahre, die später
als die 'goldenen Zwanziger' bezeichnet wurden. Die Schule feierte ihr 25-jähriges
Jubiläum, und es wurde beschlossen, ein Landheim zu erwerben. Zwei große Land-
heimfeste und Bausteine zu 50 DM, die unsere Eltern spendeten, brachten soviel
Geld zusammen, daß ein Gasthof in Hambühren gekauft werden konnte, der sich
als Schullandheim eignete. Schon 1927 durften wir zum ersten Male eine Woche
im Landheim verbringen, und die Freude, mit der wir dieser Zeit entgegengesehen
haben, hat sich jedes Jahr wiederholt. Auch heute noch erinnern wir uns gern an
die schönen Landheimaufenthalte.
So gut, wie unsere Schulzeit in der Sophienschule angefangen hatte, endete sie
nicht. 1930 begann die Weltwirtschaftskrise. Es gab Sparmaßnahmen und Notver-
ordnungen, und die Zahl der Arbeitslosen nahm ständig zu. Aussichten, in den
von uns erstrebten Berufen unterzukommen, bestanden nicht.
Die allgemeine Not und das Massenelend trugen mit dazu bei, daß 1933 Hitler zur
Macht kam. Keine von uns hat damals geahnt, was dieser Regierungswechsel für
Folgen haben würde, daß uns eine grausame Diktatur und der zweite Weltkrieg
bevorstanden.
Erste persönliche Bekanntschaft mit der Diktatur machten wir im Herbst 1933. Da
die Hochschulen überfüllt waren, wurde der Zugang zum Studium rigoros be-
schränkt. Es wurde uns mitgeteilt, nur jeder 10. Abiturient werde zum Studium
zugelassen, und diejenigen, die zugelassen würden, hätten zunächst ein halbes
Jahr Arbeitsdienst zu leisten. Die Entscheidung, wer studieren dürfe, werde die
Regierung treffen.
Diese Verfügung lag als Schatten über unserem letzten Schulhalbjahr. Als wir vor
50 Jahren hier in der Aula unsere Reifezeugnisse entgegennahmen, war noch
nichts entschieden. Keine von uns wußte, ob ihr ein Studium gestattet würde.
Sicher war nur, daß sehr wenige die Erlaubnis bekommen würden. Eine Diktatur
vermag die Verhältnisse schnell zu ändern. Schon nach einem Jahr waren die
Hochschulen so leer, daß der Erlaß, der uns so viel Kummer gemacht hatte, wieder
aufgehoben wurde und wir doch ein Studium beginnen konnten."

1935 wird zum "Jahr des Deutschen Jungvolks" erklärt. 95% des Jahrgangs 1926
werden aufgenommen.
Die Studentenverbindungen werden aufgelöst, und der PEN-Club wird verboten.
Hitler führt die allgemeine Wehrpflicht ein: "Jeder deutsche Mann ist wehrpflich-
tig. Im Kriege ist über die Wehrpflicht hinaus jeder deutsche Mann und jede deut-
sche Frau zur Dienstleistung für das Vaterland verpflichtet."
Die "Nürnberger Rassengesetze" werden erlassen.

1935
Der Gymnasiale Zweig mit den Pflichtsprachen Latein und Griechisch legt sein erstes
Abitur ab.

1936
Der Gymnasiale Zweig legt das zweite Abitur ab und wird dann aufgelöst, da die
Nationalsozialisten eine altsprachliche Bildung für Mädchen für überflüssig halten.
1936 erscheint das Buch von H. Teske: "Vormilitärische Schulerziehung".

Dr. Friedel Beerhenke, Abitur 1936
"Noch eine Besonderheit beim Abitur an unserer Schule soll nicht unerwähnt blei-
ben, und sie betrifft im besonderen unsern Abiturjahrgang. Wir Goldenen kommen
aus Parallelklassen, die nach unterschiedlichen Bildungszielen und -inhalten un-
terrichtet wurden. Es gab neben der realgymnasialen Studienanstalt die gymnasia-
le Form. Bis Quarta lernten wir gemeinsam Englisch als erste Fremdsprache. Im
realgymnasialen Zug (rg) wurden als 2. und 3. Fremdsprache Latein und Franzö-
sisch gelehrt, und man befaßte sich mehr als im gymnasialen Zug mit Mathematik
und Naturwissenschaften. Im gymnasialen Zug (g) wurde neben Latein auch Grie-
chisch gelehrt; die g-Klassen erhielten eine echte humanistische Ausbildung im
Sinne Humboldts.
Zweimal wurde vor dem Krieg ein gymnasiales Abitur abgelegt, 1936 mit uns zum
letzten Mal. Es lebte nach dem Krieg wieder auf, unter der Schulleiterin Frau Ober-
studiendirektorin Bernecker, und dann schaffte man es 23mal, bis eine Bildungs-
reform es sich anders erdachte.
Ich habe 1936 an der realgymnasialen Studienanstalt das Abitur bestanden. In
den Jahren gab es die erwähnten Vorurteile nicht mehr. Es gingen zwar noch viele
Mitschülerinnen in der Sekunda ab, die nicht studieren wollten oder es aus finan-
ziellen Gründen nicht konnten. Die Zeiten waren nicht so rosig. Wir zahlten Schul-
geld. In jedem Monat kam das Hausmeisterehepaar Keunecke mit einem großen
Korb in die Klassen und kassierte. Auch das Studium mußte finanziell von den
Eltern getragen werden.
In der mündlichen Prüfung wurden wir alle in der Vererbungslehre und Rassenkun-
de geprüft, ein Zugeständnis an die braune Zeit. Außerdem wurde jede in ihrem
Wahlfach geprüft. Ich hatte Physik. Wir erschienen am Prüfungstag, bei uns war
es Fastnachtsdienstag, festlich gekleidet in der Schule. Das gesamte Kollegium
war anwesend, ebenfalls in ein feierliches Dunkel gewandet. Dann wurde uns ver-
kündet, in welchen Fächern wir noch eine Prüfung zu erwarten hatten. Wir muß-
ten auf alles gefaßt sein. Ich glaube, man ist nie wieder mit so vielseitigen Kennt-
nissen gespeichert wie vor der mündlichen Abiturprüfung."

1937
Direktor Wülker nimmt zum letzten Mal das Abitur ab und wird dann auf Grund des
"Freimaurer-Erlasses" in den vorzeitigen Ruhestand versetzt.
Das Reichsorganisationsamt der NSDAP gründet 1937 "Adolf-Hitler-Schulen".

Charlotte Hüser geb. Schulz, Abitur 1937
"Wir erlebten den Umbruch in der Politik von dem Weimarer Staat zur Nazizeit in
der Obertertia, d.h. der heutigen 9. Klasse. Als Kinder und heranwachsende Jugend-
liche zunächst konfrontiert (ein Teil war noch in der bündischen und christlichen
Jugend gewesen), dann integriert und pflichtgemäß vereinnahmt.
Vieles war für uns begeisterungsfähig, von Politik verstanden wir viel zu wenig,
d.h. daß uns das Verheerende des Nationalsozialismus erst im Nachhinein zu Be-
wußtsein gekommen ist.
In der Schule wurde neben den Klassikern, dem 'Faust', auch Hitlers 'Mein Kampf'
gelesen (allerdings in besonderen Abschnitten), und ich glaube kaum, daß eine
von uns damals das ganze Werk wirklich durchgeackert hat und seine politische
Konsequenz verstanden hat.
Erste Einbrüche in unserem Politikverständnis verursachten die Abgänge von Klas-
senkameradinnen, die Jüdinnen oder Halbjüdinnen waren. Dann bei der Abitur-
feier die Gewißheit, daß unser verehrter Herr Direktor Dr. Wülker, der langjährige
Leiter der Sophienschule, mit uns die Schule verlassen würde, weil seine politische
Richtung nicht in die neue nationalsozialistische hineinpaßte.
Er war lange unser Klassenlehrer gewesen, und so berührte uns seine Abiturrede,
die gleichzeitig seine Abschiedsrede war, besonders."

1938 wird das gesamte jüdische Eigentum beschlagnahmt und die Verfolgung der
Juden verstärkt.
In der nationalsozialistischen Schulreform wird die "Deutsche Oberschule" zur
Hauptform und das Gymnasium zur Nebenform erklärt.

1938
In den "Grüßen" wird über "Neue Wege und Aufgaben" berichtet, z.B. die Verkür-
zung der Schulzeit in den Oberschulen für Mädchen auf 8 Jahre, die Änderung der
Klassenbezeichnung (arabische statt lateinische Zahlen), den hauswirtschaftlichen
Unterricht.

Hanne Walz, Abitur 1938
"Lob der Neugier
(...)
Non scholae sed vitae - die armen Gören:
sie müssen es seit Jahrhunderten hören!
Als Schüler sieht man's nicht recht ein.
Was nützt mir Mathe, was soll mir Latein;
so tönt es oftmals aus den Bänken.
Oho: sie lehren euch logisches Denken!
Bei Ex-Scholären wird gemault:
sie haben uns Goethe und Lessing vergrault;
wir mußten soviele Aufsätze schreiben -
wie sollte da Neugier auf Klassiker bleiben?
Vergnüglich wird Literaturgeschichte,
greift ihr euch Lessings frivole Gedichte.
Schau Raabes heitre Geschichten an,
da funkelt's stilistisch wie bei Herrn Mann!
Mehr darüber zu sagen, führt hier zu weit.
(Heut nachmittag hab ich gern für Euch Zeit!)
Eins steht mal fest: es nahm zur Buhle
die Neugier sich die beste Schule.
Schon seit anno dazumal
gilt die Sophie als liberal,
ist nach wie vor besonders beliebt,
was uns allen Genugtuung gibt.
Sophia heißt Weisheit, und Philosophie
enthält ja buchstäblich im Worte sie.
Die Fürstin, die ihr den Namen gab,
gab oft sich mit Freund Leibniz ab.
Der wiederum wär ohne Neugier nicht
so gelehrt gewesen, ein kläglicher Wicht!
Auch Einstein wär nichts, desgleichen Plato,
nichts Aristoteles, auch nicht Cato,
denn auch für die res publica
bedarf 's Erfahrung - durch Neugier - ja.
Geht ihr von Sophie zu Alma nun über,
zur alma mater: nehmt Neugier mit rüber;
oder wo immer ihr weiterlernt:
gebt acht, daß sie sich nicht entfernt.
Ohne Neugier werdet ihr nichts im Beruf,
zu dem euch Neigung und Ausbildung schuf!
Auch in fernen Zeiten
laßt euch von der Dame begleiten.
Unendlich viel gibt's zu entdecken
in allen Weltregionen und -ecken,
Schönes und Gutes, auch Böses, Pikantes,
auf jeden Fall höchst Interessantes.
Seid ihr dann erst wie wir betagt,
euch niemals Langeweile plagt.
Oje: Langeweile! Ich eile zum Schluß
und stoppe meinen Pegasus. -
Wir wünschen, liebe Abeuntes,
Erfolg euch im Leben, viel Schönes, Buntes.
Und nochmal sag ich's euch eben:
das ganze lange Leben,
erst Neugier macht's zum echten Spaß.
Ein Vivat der Curiositas!"

Am 1.September 1939 beginnt der 2. Weltkrieg. Für die weibliche Jugend wird die
Arbeitsdienstpflicht eingeführt.

1939
Die meisten Lehrer werden zum Kriegsdienst eingezogen, deshalb erteilen überwie-
gend Lehrerinnen den Unterricht.

Helga Werther geb. Martin, Abitur 1939
"Der Arbeitsdienst, vor dem Studium Pflicht, wurde nach Kriegsausbruch verlän-
gert, das Studium, wohl sonst die interessanteste und schönste Zeit im Leben eines
jungen Menschen, litt unter den Kriegsereignissen. Schicksalsschläge mußten ver-
kraftet werden. Aber man wächst ja mit seinen Aufgaben. Und wir meisterten auch
die schweren Kriegs- und Nachkriegsjahre. Wir mußten uns unseren Aufgaben stel-
len und haben sie, das glaube ich, auch ganz gut erfüllt.
Später hat man unserer Generation oft vorgeworfen, wir hätten in den Nach-
kriegsjahren dem materiellen Denken einen zu großen Stellenwert eingeräumt.
Aber war das nicht natürlich nach den Jahren der Entbehrung? Es war wichtiger,
sich um Essen für den nächsten Tag zu bemühen, um die Familie satt zu bekom-
men, als sich mit geistigen Dingen zu beschäftigen.
Es war uns bewußt, daß in den schweren Zeiten viele Werte zu kurz kamen, die
man uns in der Schule und im Elternhaus vermittelt hatte: Für uns kam die Rück-
besinnung erst viel später, als wir wieder Boden unter den Füßen hatten und die
Aufbauphase abgeschlossen war."

Dr. Helene Stube geb. Blume, Abitur 1940
"Vor 50 Jahren, einem ereignisreichen halben Jahrhundert, waren wir 18, als wir das
Reifezeugnis zum Studium in den Händen hielten, aber noch keineswegs mündig,
das wurden wir damals erst mit 21 Jahren.
Der Krieg hatte - entgegen aller Abi-Hochstimmung - unsere Zukunftsperspek-
tiven in Frage gestellt, denn erst kam der Reichsarbeitsdienst, die Munitionsfabrik
oder der Einsatz in kinderreichen Familien.
Es folgte die Bewährungsprobe für das Studium im praktischen Vierteljahr, bei mir
mit Flurschrubben im Krankenhaus Siloah, Klobecken leeren, Betten bauen.
Zum Studium als würdig befunden, wurden aus Semestern vollgestopfte Trimester,
nachts saß man mit seinen Lehrbüchern im Luftschutzkeller, in den Ferien wurde
Fabrikeinsatz gefordert. Alles, was heute der Jugend das Leben verschönern kann
und das Tor zur Welt öffnet, war uns versagt.
Vielleicht sind wir deshalb aber auch so dankbar für alles Positive in unserem Leben,
denn es gab weitschauende Lehrer, die bestimmende Familie und treue Freunde.
Als Kinder unserer Zeit lebten wir für vorgegebene Ideale, die uns als Ziel gesetzt
waren. Da von unserer Generation Angepaßtheit verlangt wurde, übernahmen wir
auch den Glauben an die heile Welt, das heißt, wir waren überzeugt, daß sich die
Menschheit zum Guten hin entwickelt. Über Untaten nachzudenken, war schon straf-
bar, sie auszusprechen, von der Todesstrafe bedroht. Halten wir fest: Zum Wohlver-
halten erzogen, studierten wir größtenteils, was unsere Eltern für richtig erachteten.
Nach dem Krieg waren wir glücklich über die gewonnene Freiheit, die uns ermög-
lichte, über Bücher, Fernsehen und Kunst uns ein eigenes Urteil bilden zu können.
Wenngleich mir unvergessen blieb, was vor 20 Jahren ein Freund auf Besuch aus
der DDR antwortete auf die Frage: 'Was wirst du deinem Sohn als wesentlichen Ein-
druck von uns hier im Westen berichten?' - 'Ihr habt in der BRD alles im Überfluß
- auch die Freiheit.' Ich wurde doch sehr nachdenklich."

1941
Die Elisabeth-Granier-Schule wird mit in die Sophienschule verlegt. Es wird Schicht-
unterricht erteilt.

Renate König, Abitur 1943
"Dieses halbe Jahrhundert scheint wie ein tiefer Abgrund zwischen den Menschen
von heute und damals zu klaffen. Kann es überhaupt eine Brücke geben? Die histo-
rischen Bücher über eine solche Zeitspanne würden ganze Bibliotheken füllen.
Was trennt - was verbindet Ihre Generation, liebe junge Abiturientinnen, und die
unsere?
Zunächst: Unsere Eltern wählten gerade diese Schule für unseren Bildungsweg. Die
'Sophie' war damals die einzige humanistische Mädchenschule in Hannover, die
das Latinum anbot. Heute können Sie außer dem großen Latinum auch das Grae-
cum erwerben. Darum könnte man Sie fast beneiden. Gerade in unserer heutigen,
von der Technik bestimmten Welt halte ich humanistische Bildung als Hilfe zur
geistigen Verarbeitung der uns bedrängenden Probleme für unverzichtbar.
Aus der Fülle der Vergleichspunkte zwischen 1943 und 1993 möchte ich nur vier
ansprechen:
1943: Gerade hatte uns die Stalingradtragödie tief erschüttert
1993: Mitten in Europa, im ehemaligen Jugoslawien, tobt ein grausamer Krieg
1943: Schülerdasein in der Diktatur
1993: Schülerleben im demokratischen Staat
1943: Einseitige Information und Desinformation durch gleichgeschaltete Presse
und Rundfunk
1993: Unübersehbare Informationsfülle, die oft eher verwirrend als klärend wirkt
1943: Aufnahme eines Studiums war erst nach 'staatsbürgerlicher Bewährung' er-
laubt; das bedeutete 14 Monate Arbeitsdienst oder sogenannten Kriegs-
hilfsdienst
1993: In vielen Fächern herrscht numerus clausus und verzögert den Beginn des
Studiums."

Am 20. Juli wird ein Attentat auf Hitler verübt. Er überlebt den Anschlag. Eine große
Anzahl von Hinrichtungen folgt, bei denen Gegner des Regimes eliminiert werden.
Bei dem großen Angriff im Oktober 1943 wird Hannover weitgehend zerstört.

8./9.Oktober 1943
Das Gebäude wird bei einem Bombenangriff stark beschädigt. Die Schule wird eva-
kuiert, die Unterstufe nach Hasselfelde, die Mittel- und die Oberstufe nach Trese-
burg im Harz (s. den Beitrag über dieses Thema von Nina Rubbel).

Dr. Barbara Tamm, geb. Scheuermann, Abitur 1944
"Alle goldenen Abiturientinnen bis heute haben hier an den Tag zurückgedacht,
an dem sie 50 Jahre vorher selbst hier gesessen haben, um ihre Zeugnisse in Emp-
fang zu nehmen. Nur wir können das nicht: Wir waren nämlich gar nicht hier, son-
dern 100 km entfernt im Harz.
Nach den schweren Luftangriffen im Herbst 1943 war Hannover ein Trümmerhau-
fen, und auch unsere Schule hatte so schwere Schäden erlitten, daß kein Unter-
richt mehr möglich war. So wurde der gesamte Schulbetrieb mit Schülerinnen und
Lehrkräften in den Ostharz verlagert, unser Jahrgang nach Treseburg in das Hotel
Forelle. Wir wurden kinderlandverschickt, wie man es damals nannte. Viele von uns
waren ausgebombt, hatten nicht nur keine Schulbücher, sondern kein Zuhause
und auch sonst überhaupt nichts mehr. So machten wir am Ende unserer Schulzeit
für etwa vier Monate noch die Erfahrung des Internatslebens.
Wenn wir daran denken ....
... daß viele Lehrer eingezogen und durch Pensionäre und Aushilfskräfte ersetzt waren,
... daß der Unterricht während der Fliegeralarme im Keller stattfinden mußte - so
haben wir Iphigenie bei Frau Schultz im Keller gelesen!
... daß bereits 1939/40 wegen Mangels an Heizmaterial die Weihnachtsferien ver-
längert wurden und in den Wintern darauf ein großer Teil der Schulen, auch
unsere, geschlossen und der Unterricht in den übrigen im Schichtbetrieb natürlich
verkürzt durchgeführt werden mußte, für uns im Ratsgymnasium abwechselnd
mit der Lutherschule,
... daß nach nächtlichem Fliegeralarm der Unterricht in den ersten Stunden ausfiel
- als die ersten schweren Angriffe 1943 einsetzten, hatte Hannover immerhin
schon 350 Alarme hinter sich,
... daß wir alle wegen der Sorgen um Angehörige an der Front und wegen der
Schwierigkeiten des täglichen Lebens, wozu auch immer die Beseitigung der
ärgsten Bombenschäden in der eigenen Wohnung gehörte, sehr viel anderes im
Kopf hatten als gerade die Schule, ....
dann kann man sich etwa die Situation vorstellen, in der sich Lehrer und Schüler
Ende 1943 befanden."

1945
Im Frühjahr verpflichtet die NS-Partei Frauen und Mädchen zum Hilfsdienst für
den "Volkssturm".
Im März marschiert die britische Armee in Hannover ein. Die Lebensmittelrationen
in Deutschland werden verkürzt.
Am 9. Mai erklärt Deutschland die bedingungslose Kapitulation.
Im Juni werden die politischen Parteien neu gegründet.
Am 17. Juli wird das Reich in Besatzungszonen aufgeteilt.
Die Schweiz gewährt im September mehreren 100.000 Kindern europäischer Län-
der unentgeldlichen Erholungsaufenthalt.
Die UNESCO wird gegründet.
Die Berliner Universität eröffnet im November den Lehrbetrieb für 4000 Studenten.

1945
Im Sommer werden die Schülerinnen zum Ernteeinsatz herangezogen. Der Unter-
richt beginnt im Herbst zuerst im Schichtunterricht abwechselnd mit anderen Schu-
len.
Mit der Wiederherstellung des Gebäudes wird begonnen. In größeren Bauabschnit-
ten wird das bis 1956 dauern.

Annegrete Hölscher geb. Voss, Abitur 1945
"Es ist ein schöner Brauch der Schulen, ihre 'goldenen' Abiturienten zur Entlassung
des jeweiligen Abiturjahrgangs einzuladen. In unserem Fall war dies gar nicht so
selbstverständlich, denn wer konnte oder hatte im Frühjahr 1945 in Deutschland
Abitur machen können?
Zu dieser Zeit befanden wir uns im Arbeitsdienst (viele von uns in Oberschlesien)
oder einem vergleichbaren Kriegseinsatz, aus dem wir auf den verschiedensten
Wegen in die Heimat zurückfinden mußten.
Unsere Schulzeit endete im Herbst 1944 in Treseburg, dort wurden wir nach den
Herbstferien mit der Nachricht überrascht, daß die Schulzeit für uns zu Ende sei
und wir im Frühjahr 1945 die Reife zuerkannt bekämen, wenn wir den geforderten
Kriegseinsatz nachweisen könnten.
Ohne die Diskussion um 'Befreiung oder Niederlage' zum 8. Mai fortsetzen zu wol-
len - es sind ja viele eindrucksvolle Worte zu diesem Tag gesagt worden - , meine
ich, daß sich unsere Empfindungen am besten mit dem Wort 'Erleichterung' be-
schreiben lassen. Erleichterung, daß das Kämpfen, Schießen, Bomben beendet
war. Aber noch nicht die viele Not und Bedrängnis und auch nicht das Sterben. Ich
denke dabei an die vielen Soldaten, die aus der sowjetischen Gefangenschaft nicht
zurückgekommen sind, oder an die, die als Folge von Inhaftierung, Vertreibung,
Verwundung oder Krankheit ihr Leben lassen mußten.
Das Chaos war unübersehbar, die Sorge um Väter und Brüder, von denen Nachricht
erwartet wurde, die Trauer um verlorene Angehörige und Freunde, der Verlust von
Hab und Gut oder gar der Heimat beherrschte den Neubeginn.
Unvorstellbar war der Wiederaufbau, wie es dann geschah. Aus der Distanz von
heute ist es einsehbar, daß sich unsere freiheitliche Demokratie wohl nur nach
dem absoluten Untergang der Nazi-Herrschaft entwickeln konnte, obwohl man
sich immer wieder fragt, warum noch so viele ihr Leben lassen mußten, als die
Verantwortlichen doch schon längst erkannt haben mußten, daß so viel ehrliche
Vaterlandsliebe und aufopferungsvoller Einsatzwille mißbraucht worden waren.
Sie haben uns zu dem heutigen Tag eingeladen, und wir sind gern gekommen. Warum?
Weil wir die Sophienschule in guter Erinnerung haben. Und ein besonderer Aspekt
ist die Zeit in Treseburg, dorthin war die Sophienschule mit der Oberstufe (die
Unterstufe war in Hasselfelde) nach den schweren Luftangriffen im Oktober 1943
'ausgelagert' worden. Rechtlich gesehen war es ein 'KLV'-Lager, d.h. Kinderlandver-
schickungslager; diese waren eingerichtet worden, um Kindern aus vom Bomben-
krieg bedrohten Großstädten einen ruhigen Schulbesuch, ohne Fliegeralarm in den
Nächten, möglich zu machen. Geführt wurden die Lager in der Regel von einer
BDM-Führerin, aber in unserem Fall haben wir wenig davon gemerkt, das 'Sagen'
hatte die Schulleitung.
Treseburg liegt im Ostharz im heutigen Landkreis Wernigerode (früher LK Blanken-
burg und bis 1945 zum Lande Braunschweig gehörig). Viele von uns sind seit dem
Fall der Mauer dort gewesen. Heute kann man sich kaum vorstellen, daß wir es
dort ein Jahr lang in einem kleinen Hotelzimmer mit nur einem Waschbecken für
acht Schülerinnen ausgehalten haben. Diese Enge brachte naturgemäß menschliche
Schwierigkeiten, aber auch Vertrautheit und die Notwendigkeit des 'Sich-auf-ein-
ander-Einstellens'. Auch viele frohe Ereignisse verbinden sich in unserer Erinnerung
mit Treseburg und dem Hotel Forelle.
Den größten Respekt aber haben wir im Rückblick vor den Lehrerinnen und Lehrern,
die uns dorthin begleiteten. Sie lebten in unmittelbarer Zimmernachbarschaft zu
den Schülerinnen, mußten an jeder Malzeit teilnehmen, waren den ganzen Tag
gefordert und hatten somit kein Privatleben mehr. Auch hatten wir nie das Gefühl,
daß wir durch Indoktrination beeinflußt wurden, sondern trotz aller Vorgaben bemüh-
ten sich die Lehrkräfte, uns zu freien und denkenden Menschen zu erziehen."

1946 wird die Care-Gesellschaft in den USA gegründet zum Versand von Lebens-
mittel- und Kleiderpaketen in die vom Krieg betroffenen Länder. Von 1946 bis
1947 werden etwa 4 Millionen Care-Pakete nach Deutschland verschickt.
Die ersten Wahlen in der "Ostzone" ergeben eine Mehrheit für die SED. Die FDJ wird
gegründet.
Im November finden erste Landtagswahlen in den westdeutschen Ländern statt.

Lore Köster geb. Kirch, Abitur 1946/1947
"Meine Klasse war auch, wie die ganze Schule, kinderlandverschickt und hat das
letzte richtige Abitur im Frühjahr 1944 in Treseburg hautnah miterlebt. Der dar-
auffolgende Jahrgang wurde im Herbst 1944 in den Arbeitsdienst entlassen. Wir
wurden dann noch für den Arbeitsdienst gemustert, aber bis April 1945 zurückgestellt.
Der Kriegsverlauf veranlaßte unsere damaligen Lehrerinnen, Anfang April 1945 das
Lager aufzulösen und die Schülerinnen nach Hause zu schicken, bevor die Ameri-
kaner kamen. Die unteren Klassen hatte man schon früher aus Hasselfelde geholt.
Unser Direktor Dr. Bartels war kurz vorher, infolge Denunziation, in Blankenburg
inhaftiert und erst bei Kriegsende wieder entlassen worden. Viele Mitschülerinnen
hatten sich schon vorher abgesetzt und waren nach Hause zurückgekehrt. Die ande-
ren wurden mit dem notwendigsten Gepäck von der Wehrmacht in LKWs verfrach-
tet und entweder nach Goslar oder Hannover gebracht, zum Teil auch in Busse um-
geladen, denn Züge verkehrten nicht mehr. Wie diese Transporte klappten, ist mir
noch heute ein Rätsel.
Hannover war aber nicht für alle Endstation, denn viele Familien hatten nach der
Ausbombung eine Unterkunft außerhalb der Stadt gefunden, da hieß es, wie dahin
kommen?
Zum gleichen Zeitpunkt ließ der Gauleiter, der sich längst in Sicherheit gebracht
hatte, in Hannover Flugblätter verteilen mit dem Aufruf zum 'fanatischen Einsatz'
und der Parole 'Lieber tot als Sklave'. Wer dachte da an Schule?
Als dann der unglückselige Krieg am 8. Mai endlich vorbei war, begann die Entna-
zifizierung der Beamten, u.a. auch der Lehrer. Unser verehrter Direx Dr. Bartels
mußte seinen Direktorposten, meines Erachtens ungerechterweise, an unserer Schule
aufgeben.
Aber ehe die Militärregierung sich über die zukünftigen Lehrpläne einig war, beschloß
sie, uns anderweitig zu beschäftigen. So mußten z.B. wir, das waren überwiegend
Schülerinnen aus Kirchrode, aber auch von anderen Schulen, für eine Gärtnerei
arbeiten, die u.a. den Auftrag hatte, die Obstplantage der Brüder Bahlsen in Ord-
nung zu halten und zu bewirtschaften, das hieß damals, die Flächen zwischen den
Obstbaumreihen mit Gemüse nutzbringend zu bebauen. Ein alter Arbeiter und ein
sicher nicht weniger altes Pferd gehörten zum Inventar und pflügten die zu bear-
beitenden Flächen. Irgendwann entdeckten wir, daß unter das Pferdefutter wun-
derbares Gebäck gemischt war. Wir klaubten uns die Waffeln mit Schokolade und
andere Kekse heraus, wuschen sie unter der Pumpe ab und genossen so etwas lang
Entbehrtes.
Als die Gartensaison zu Ende war, gab es eine Überraschung: Wir bekamen nach-
träglich, für die ganze Arbeitszeit, zusätzlich Lebensmittelmarken, Schwerstarbei-
terzulage, das war damals mehr wert als Geld.
Da ich im Oktober meinen 18. Geburtstag feierte (wir wurden erst mit 21 Jahren
volljährig, aber der 18. Geburtstag war schon immer ein wichtiges Ereignis auf
dem Weg zum Erwachsenwerden), kochte meine Mutter für die Geburtstagsgäste
ein wunderbares Festessen, einen Bohneneintopf mit viel Fleisch.
Zu diesem Zeitpunkt waren wir noch in unserem Haus in Kirchrode, mit einer schönen
Diele zum Tanzen. Später wurden wir, wie viele andere auch, 'ausgeengländert', so
nannte man das damals, wenn Privathäuser beschlagnahmt wurden.
Mit Tanzen brachten wir unsere Lebensfreude zum Ausdruck. Tanzstunde, Hausbälle
(das waren die Tanzvergnügen zu Hause), alles war bislang verboten gewesen. Wir
hatten einen ungeheuren Nachholbedarf.
Im November 1945 fing dann endlich die Schule wieder an, auf die wir uns mäch-
tig freuten, weil wir ja auch einmal fertig werden wollten; allerdings wurden alle
Schülerinnen eine Klasse zurückgestuft.
Die Umstände, unter denen wir in diesem Winter Unterricht hatten, waren auch
ziemlich ungewöhnlich. Heizmaterial war knapp, so saßen wir mit Muff, Hand-
schuhen und anderen wärmenden Kleidungsstücken in der Klasse. Unsere Fahr-
schüler kamen oftmals nicht rechtzeitig zum Unterricht, weil die damals noch mit
Kohlen beheizten Lokomotiven nicht genug Feuermaterial hatten und die Züge
deshalb häufig nicht pünktlich ankamen.
Mit Beginn der Schule setzte für uns auch eine Schulspeisung ein, das waren
Milchsuppen in verschiedenen Varianten, eine Spende der amerikanischen Quäker.
Wir hatten an der Sophienschule vor- oder nachmittags Unterricht, abwechselnd
mit der - mit der Herschelschule zusammengelegten - Leibnizschule. Im Haus ne-
ben der Schule (dort wohnte auch die Familie von Dr. Bartels), gab es auch noch
Unterrichtsräume, in denen 1945/46 Kriegsteilnehmer ihr Abitur in Kurzlehrgän-
gen nachholten. Wir trafen uns nur mittags zur Suppenverteilung. Um den Ab-
stand zu wahren, war der Schulhof durch einen weißen Strich in zwei Hälften
geteilt, damit die Schulspeisung getrennt eingenommen werden konnte.
Anfang 1946, als wir eigentlich schon hätten fertig sein sollen, lag nun noch ein
ganzes Jahr vor uns. Wir hatten noch viel nachzuholen, lediglich Geschichte war
vom Stundenplan gestrichen.
Weil im Winter 1946/47 die Kohlen wohl ganz zur Neige gegangen waren, zogen
wir in die Wilhelm-Raabe-Schule um, in der wir dann später auch unser Abitur
machten. Wenn ich richtig informiert bin, wurden in der Wilhelm-Raabe-Schule
nur Abiturientinnen unterrichtet, auch von anderen Schulen; die anderen Klassen
hatten anscheinend Kohleferien. Es war ein besonders harter Winter, im Oktober
schon 10 Grad kalt.
Wir wurden übrigens 1946 von Klasse 7 nach Klasse 12 versetzt; auch damals gab
es schon Reformen, die aber sicher nicht so einschneidend waren wie die, welche
es nach unserer Schulzeit gegeben hat."

1947 beginnen mit dem Marschallplan finanzielle Hilfe und Sachlieferungen für
Europa.

1947
Dank der Papierspende Ehemaliger erscheinen die "Grüße" wieder, nun unter dem
Titel "Neue Grüße".

Christa Wente geb. Gräfenkämper, Abitur 1947
"Wir blieben in Treseburg bis Anfang April 1945. Das Kriegsende stand vor der Tür.
Unserm Direktor Bartels war von der nationalsozialistischen Partei nahe gelegt
worden, uns zu Werwölfen - sprich Partisanen - ausbilden zu lassen. Dies wurde
von ihm strikt abgelehnt, woraufhin er verhaftet wurde.
So besuchten wir also im November 1945 wieder mit frischem Mut unsere alte, arg
ramponierte Sophie. Wir waren alle inzwischen um die 18 Jahre alt. Da erstmals
ein zwar entbehrungsreiches, aber ungestörtes, normales Leben für uns möglich
war, besuchte meine Klasse geschlossen die Tanzschule Else Franke, eine hanno-
versche Institution. Feuerung, Getränke und Nahrung waren, sofern vorhanden,
mitzubringen. So auch zu den bald stattfindenden 'Hausbällen', wie man die Ver-
anstaltungen im häuslichen Bereich nannte. Es waren die schönsten Feste damals,
unsere aufgestaute Lebensfreude machte allen Mangel wett.
An den Winter 1945/46 habe ich ansonsten keine besondere Erinnerung, obwohl
es sicher für uns alle hart war. Der Sommer ging ins Land, und dann kam der
Abiturwinter 1946/47. Ein äußerst kalter Winter, der zudem mit einer immer
schlechter werdenden Versorgung in allen Bereichen einherging. Zu dieser Zeit ka-
men die ersten Care-Pakete aus Amerika, heiß begehrt, auch wegen der schon fast
in Vergessenheit geratenen Köstlichkeiten, wie Kaffee, Schokolade und ähnlichem.
Ferner erhielten wir täglich in der Schule warme Milchsuppe - die Quäkerspeisung.
Organisationstalent war in den Familien genauso gefordert wie ein enormes Maß
an Anpassung, denn jeder lebte mit den Seinen und oft auch mit Fremden auf
engstem Raum."

Auf Befehl der westalliierten Kommandanten wird im Juni 1948 mit der Währungs-
reform die DM als gesetzliches Zahlungsmittel eingeführt.
Die Berlinblockade beginnt am 24. Juni, und am 25. Juni setzt die Luftbrücke ein.
Am 20. August errichten Vopos eine Stacheldrahtgrenze am Potsdamer Platz in
Berlin.
Auf Initiative von Studenten wird die "Freie Universität Berlin" gegründet als Ant-
wort auf die Unterdrückung der politischen und wissenschaftlichen Freiheit an der
Ostberliner Humboldt-Universität.

Lotte Mahnenholz, Abitur 1948
"Herzliche Gratulation Ihnen allen, die Sie das Abitur, die Reifeprüfung 1998 ab-
legten, Sie, die Sie 50 Jahre jünger sind als wir, aber auch 50 Jahre später in diese
Welt hinein geboren wurden.
Dieser Blickwinkel ermutigt mich, nicht - wie es 1998 naheliegen könnte - auf
Themen wie die Währungsreform im Juni 1948 und 50 Jahre DM, Luftbrücke, die
bevorstehende Währungsunion, oder aber das Vereinte Europa, mit allen, auch bil-
dungspolitischen Konsequenzen in meinem Redebeitrag Bezug zu nehmen.
Vielmehr bitte ich Sie, verehrte Festversammlung, diesen Tag der Abiturfeier zum
Anlaß zu nehmen, mit mir nachzudenken und mir ganz pragmatisch zu folgen,
wenn ich Kerschensteiner (1854-1932) zitiere: 'Bildung ist das, was bleibt, wenn
man alles vergessen hat', um erinnernd einen Bogen zu unserem Erleben vor einem
halben Jahrhundert zu schlagen.
Wir wurden vor der Erfindung des Fernsehens, des Penicillins, der Tiefkühlkost und des
Kunststoffs geboren und kannten Kontaktlinsen, Xerox und die Pille noch nicht.
Mehl und Zucker gab es in Tüten und nicht in Geschenkpackungen, und wir liefen
schon auf der Straße herum, als man noch für 5 Pf. ein Eis, einen Beutel Studenten-
futter oder eine Flasche Knickerwasser kaufen konnte. Bevor Kreditkarten, Telefax,
die Kernspaltung, Laser und Kugelschreiber zur Verfügung standen, waren wir schon da.
Erklärt das vielleicht die 'Kluft zwischen den Generationen', auf die so oft hinge-
wiesen wird?
Geschirrspüler, Wäschetrockner, Klimaanlagen, Last-Minute-Flüge gab es noch nicht,
und der Mensch war auch noch nicht auf dem Mond gelandet.
Vielleicht brauchten wir deshalb auch kein BAFÖG, keinen numerus clausus, nicht
die Zentrale Vergabestelle für Studienplätze. Niemand hätte je daran gedacht, daß
Versetzung ein Verwaltungsakt sei und 'Sitzenbleiben' durch Judikatur korrigiert
werden könnte.
Aber wir haben gelacht, gelebt und überlebt, geliebt, gelernt und erinnern uns noch
heute an kreative Lösungen im Schulalltag des zerbombten Hannover nach 1945.
Als man entdeckte, daß es einen Unterschied zwischen den Geschlechtern gibt,
waren wir noch nicht dabei, aber haben die erste Geschlechtsumwandlung noch
miterlebt. Ja, und wir sind sicher die letzte Generation, die so dumm war zu glauben,
daß eine Frau einen Mann heiraten muß, um ein Baby zu bekommen. Wir haben
erst geheiratet und dann zusammengelebt. Mit jemandem zu gehen, hieß fast schon
verlobt zu sein.
Wir waren da, bevor es den Hausmann, die Emanzipation oder die Selbstfindung
gab, Aussteiger oder die computer-gestützte Heiratsvermittlung. Zu unserer Zeit gab
es noch keine Gruppentherapie, Sonnenstudios, kein Kindererziehungsjahr für Vä-
ter und keinen Zweitwagen, es gab aber auch keine Diskussionen über sogenannte
Lernorte oder Bildungstransferprobleme.
Damals hatten wir noch keine Musik vom Tonband oder die New-Yorker-Symphonie
via Satellit gehört. Arbeitslosigkeit war eine Drohung und noch kein Versiche-
rungsfall. Es gab auch keine elektronischen Schreibmaschinen, künstliche Herzen,
Joghurt und Jungen, die Ohrringe trugen. Schon gar nicht Jungen als Mitschüler
an der Sophienschule.
Allerdings gab es auch in unserer homogenen, festgefügten Klassenstruktur keine
multikulturellen Erfahrungen, Mitschülerinnen anderer Nationalitäten oder Herkunfts-
länder oder gar nicht-christlicher Religionsausübung.
Meinungsvielfalt und Meinungsfreiheit oder ein differenzierendes, kritisches poli-
tisches Denken konnten erst spät, nach der Schulzeit, gelernt werden. Die Öffnung
der Welt, wie wir sie heute erleben, mit völlig neuer Qualität der Wahrnehmung und
der Persönlichkeits- und Schulbildung wäre vor 5 Jahrzehnten undenkbar gewesen.
Ist von daher eine Kluft zwischen den Generationen unausweichlich? - Gibt es sie
überhaupt?
Wir haben, insbesondere in den Kriegsjahren, der Zeit der Kinderlandverschickung
mit Direktor Bartels und der Zeit nach 1945 extreme Lebenssituationen durchge-
standen, die extreme Gefühle, oft Rat- und Verständnislosigkeit und Lebensbe-
drohung auslösten, in denen die Klasse und die Gemeinschaft der Sophienschüler-
innen auch Familienersatz waren und Nähe gaben. So lernten wir schon als Kinder,
im intensiven Miteinander Gegensätze zu bewältigen, soziale Kräfte bewußt und
sinnbezogen zu erleben, Solidarität in der Gemeinschaft und mit Schwächeren zu
entwickeln. Schlüsselqualifikationen würde man heute dazu sagen.
Damals haben wir Briefe mit 6-Pfennig-Marken frankiert, und wir konnten für 10 Pf.
mit der Straßenbahn von einem Ende der Stadt bis zum anderen fahren. An ein
Datenschutzgesetz dachte niemand, statt dessen haben wir unsere Geheimbot-
schaften wirkungsvoll in griechischen Buchstaben abgefaßt, damit unsere Mütter,
die Lehrkräfte o.a. sie nicht lesen konnten.
Überwiegen hier wohl Zeichen einer 'Kluft zwischen den Generationen', oder könn-
te man vielleicht vergleichbare Grundpositionen erkennen mit den 'Zeichen der
jeweiligen Zeit'?
Wir taten fast alles selber und mußten mit dem auskommen, was wir hatten. Zu
glauben, daß der Staat uns schließlich noch versorgen wird, wenn wir vorher über
unsere Verhältnisse gelebt hätten, wäre undenkbar gewesen. Wer mehr ausgab, als
er einnahm, war ein Bankrotteur. Und 'Bock' mußten wir immer haben.
Es gab noch keine Frauenbeauftragten oder Gleichstellungsbüros, höchstrichter-
liche Entscheidungen zur Chancengleichheit, auch affektiv besetzte Wortschöp-
fungen wie Feminismus oder Frauenquorum kannten und brauchten wir nicht. Viel-
mehr war es typisch und selbstverständlich für unsere Generation, daß wir allein und
individuell aufbrachen in eine von Männern (darunter vielen Kriegsheimkehrern)
dominierte Welt: in den Berufsalltag oder die Universität.
Wettbewerbsdruck in einer qualitativ so andersartigen, modernen Berufswelt der
'Zuteilungsgesellschaft', in der jetzt Menschen durch Rechner ersetzt werden kön-
nen, war unbekannt.
So blieb uns auch der heutzutage so belastende, oft krankmachende Leistungs-
druck erspart, der fröhliche, intelligente junge Menschen zu ehrgeizig funktionie-
renden Einzelkämpfern zu verändern droht.
Vor einem halben Jahrhundert gingen wir voll Zuversicht und Freude, mit Hoffnung
und Visionen ins Leben, schmiedeten Pläne und entwickelten die Bereitschaft zu
lebenslangem Lernen. Ein hilfreicher 'Ertrag' der Schulzeit, wie ich meine.
Wenn meine Ausführungen auf Sie, verehrte Festversammlung, wie eine Lobesrede
auf eine nur rosige Sophieschulzeit bis 1948 wirken sollte, bitte ich, das zu ent-
schuldigen. Im Alter neigt man halt leicht dazu, zu beschönigen oder auszublen-
den, auch wenn es gewiß vieles in dieser historisch bedeutsamen, schlimmen Zeit
gab, was wir schlicht nicht gut und bedrückend fanden oder nicht verstanden.
Ich bin überzeugt, das haben wir Ehemaligen alle - mal eher, mal später - ähnlich
erlebt und erfahren. Wir haben alles überlebt und sind der Statistik zufolge die
gesündeste, aktivste und mobilste Generation."

Am 23. Mai 1949 wird die Bundesrepublik Deutschland gegründet und das Grund-
gesetz in Kraft gesetzt.

Die DDR wird am 30. Mai gegründet.

Am 14. August sind die ersten Bundestagswahlen.

Eva Gellinek geb. Humburg, Abitur 1949
"Eines haben wir in diesen Jahren gelernt: mit den unterschiedlichsten Bedin-
gungen fertig zu werden und uns einen gesunden Optimismus zu bewahren. Wir
waren recht bescheiden - als wir unsere Reifezeugnisse erhielten, wußten wir, daß
wir wenig wußten.
Hatten wir so etwas wie einen Lehrplan? Die beruflichen Möglichkeiten waren nicht
so weit gefächert wie heute. Um einen Studienplatz zu bekommen, mußten wir
eine Aufnahmeprüfung machen, und in manchen Studiengängen waren junge Frauen
noch eine Seltenheit. Als ich für mein Architekturstudium ein Praktikum auf dem
Bau machen wollte, sah mich der alte Polier fassungslos an und sagte: 'Mädchen,
was soll ich denn mit dir machen?'
Ich glaube, für uns alle gehörten Ehe und Kinder ganz selbstverständlich zu dem
Bild, das wir uns von unserer Zukunft machten. Darüber, wie das mit der Arbeit in
einem Beruf zu verbinden sein würde, machten wir uns wenig Gedanken - manche von
uns haben das in bewundernswürdiger Weise geschafft, für andere, wie auch für
mich, war es nicht möglich, und wir haben uns, wenn auch mit leisem Bedauern, ganz
unseren Kindern gewidmet. Das war damals, ohne Pampers, sogar ohne Waschma-
schine, ohne Fertignahrung und mit knappen Kindergartenplätzen, ein 'full-time-job'.
Aber eines haben wir für unser Leben mitgenommen, etwas, wozu uns diese Schule
erzogen hat: selbständig und kritisch zu denken und lebenslang weiter zu lernen.
Dazu gab es reichlich Gelegenheit: Während uns die Kriegs- und Nachkriegszeit in
mancher Hinsicht um Jahrzehnte zurückgeworfen hatte, erlebten wir nun eine ra-
sante technische Entwicklung. Vieles haben wir mit Begeisterung und Dankbarkeit
aufgenommen, manches mit Skepsis verfolgt, in den letzten Jahren blieb uns
manches auch fremd.
Schließlich haben wir auch 60 Jahre deutscher Geschichte bewußt miterlebt. Im
Nationalsozialismus waren wir Jungmädel, den Krieg erlebten wir mit vielen Ängsten
und Einschränkungen, wir mußten uns abfinden mit der Teilung Deutschlands,
waren dabei, als die Bundesrepublik gegründet wurde, und freuten uns vor 10 Jahren
über die unerwartete Wiedervereinigung. Wir waren dankbar für den wirtschaftlichen
Aufschwung, obwohl die meisten von uns erst sehr spät davon profitierten, denn
fast alle fingen wir unser erwachsenes Leben so bescheiden und ärmlich an, wie es
heute nicht mehr vorstellbar ist.
Dabei waren wir wohl politisch eher passive Jahrgänge. Wir hatten zwar die Re-
geln der Demokratie gelernt, überließen aber die aktive Umsetzung den Älteren
und den Männern - wir waren mit dem Aufbau unseres eigenen kleinen Lebens-
kreises zu sehr beschäftigt. Und wir waren zwar 'emanzipiert', aber keine Femini-
stinnen und hatten es sehr schwer, uns gegen die Männer zu behaupten."

7.-10.10.1950
Das 50-jährige Bestehen der Sophienschule wird im eigenen Gebäude mit festlichen
Tagen begangen.

Der größte Teil der Erinnerungen ist den Reden "Goldener Abiturientinnen" entnommen, die
in den "Grüßen" des Ehemaligen-Bundes der Sophienschule veröffentlicht sind.
Die Ausschnitte wurden zusammengestellt von Barbara Schöne-Harms

Weitere Quellen:
"Der Spiegel" Nr. 25/99; "Der große Brockhaus"; Popp, Georg, "Große Frauen der Geschichte";
Jung, Kurt M., "Weltgeschichte in einem Griff"; Stein, Werner, "Kulturfahrplan";
http://www.b.shuttle.de/b/hwos/hilde.htm

HANNOVER : Kultur, Sophienschule, Tanzstunde

"Das Einleben in Hannover fiel mir schwer. Die große Stadt, das flache Land, das
windige, regnerische Klima, die zurückhaltende Mentalität der Menschen, all das
machte mir zu schaffen. Die Mitschülerinnen in der Sophienschule, einer Real-
gymnasialen Studienanstalt für Mädchen mit den drei Pflichtsprachen Französisch,
Englisch und Latein, sahen für mich fast wie Nonnen aus in ihren schlichten Klei-
dern mit weißen Kragen. Ich hatte das Gefühl, daß im Vergleich dazu meine bunt-
farbigen Kleider ebenso unangenehm auffielen wie meine mangelnde Scheu, in der
Musikstunde ein Solo zu singen. [...]
In der Rückschau wird mir klar, daß wir Mädchen während unserer Schulzeit in der
Sophienschule in Hannover eine gewisse Immunisierung gegen den herandrohen-
den Nationalsozialismus empfangen haben. In vielen Jungenschulen war das anders.
Von zeitgenössischer Politik war zwar in diesem Mädchengymnasium nicht die
Rede, der Name Rosa Luxemburg etwa tauchte nicht auf. Mein Vater nannte sie
"die rote Megäre", worunter ich mir nichts vorstellen konnte, ich fragte aber auch
nicht nach. Das Fach Gemeinschaftskunde gab es nicht, im Geschichtsunterricht
ging es nach dem Grundsatz «Männer machen Geschichte», und diese Geschichte
machten Männer mit Kriegen. Sozialgeschichte oder Wirtschaftsgeschichte gehörten
nicht zum Lehrplan. Aber vom großen kulturellen Aufbruch der zwanziger Jahre
haben wir eine Ahnung bekommen und von den reformpädagogischen Ideen die-
ser Zeit profitiert, durch die einige unserer Lehrer und Lehrerinnen geprägt waren.
Das waren liberale Leute ohne autoritäres Gehabe. Unser Geschichtslehrer war De-
mokrat, die Deutschlehrerin und die Religionslehrerin waren sozialdemokratisch
orientiert, so hieß es.
Ich nenne drei Beispiele. Erstens: Unsere Zeichenlehrerin (sie sah so lieb aus, wie
sich ihre Berufsbezeichnung anhört, hatte aber sehr wache helle Augen unter den
grauen krausen Haaren) ging mit uns in Ausstellungen zeitgenössischer Kunst,
schärfte unseren Blick, unser Wahrnehmungsvermögen am künstlerischen Objekt
und lehrte uns, unvoreingenommen auch an zunächst befremdliche künstlerische
Aussagen heranzugehen. In den Zeichenstunden durften wir uns selbst an Ungegen-
ständlichem versuchen. Das war eine Art "Feiung". Entsetzt und empört ging ich
wenige Jahre später durch die Wanderausstellung "Entartete Kunst" (1936), deren
Objekte die nationalsozialistischen Kulturmachthaber aus den deutschen Museen
und Künstlerateliers zusammengestohlen hatten. Den farbenleuchtenden Expressio-
nismus, die ganze Palette derer, die heute zur "klassischen Moderne" gerechnet
und hoch gehandelt werden, die sozialkritischen, prophetischen Antikriegswerke
von Käthe Kollwitz, Ernst Barlach, George Grosz, Otto Dix und vielen anderen. Ent-
artet? "Ostische Untermenschen" sollten die schweren bäuerlichen oder proletari-
schen Modelle der Kollwitz und Barlachs sein? "So sieht eine deutsche Mutter
nicht aus", hieß es offiziell.
Zweites Beispiel: Die rein biologistische Wertung der Frau seitens der Nationalso-
zialisten hat mich abgestoßen und erbost. Frau gleich Mutter. Wieso eigentlich
nur Mutter, fragte ich. Bin ich als ein Mensch im Seinsmodus des Weiblichen (ich
benutze hier die Formulierung von Hanna Wolff in ihrem Buch Jesus, der Mann,
Stuttgart 1975) nicht zu weiteren, breiteren Möglichkeiten angelegt, so wie ein
Mensch im Seinsmodus des Männlichen es auch ist? Gerade die beiden Lehrperso-
nen, die mich als Persönlichkeiten am stärksten beeindruckt haben, waren keine
Mütter, aber Menschen im Seinsmodus des Weiblichen, also Frauen: unsere dicke,
äußerlich unscheinbare Deutschlehrerin, von der man munkelte, daheim rauche sie
Pfeife, und die schicke junge Religionslehrerin mit ihrem kurzen, strengen Haar-
schnitt, in deren Stunden die Diskussionswogen hochgingen, so über Karl Barth
und Friedrich Gogarten.
Im Deutschunterricht lasen wir viel Goethe. Ich liebte vor allem den strahlenden
scheiternden Egmont, seine Worte vom "Leben als schöne freundliche Gewohnheit
des Daseins" und die herrliche poetische Erfindung Goethes, daß dieser Egmont es
vermag, angesichts des kurz bevorstehenden Todes auf dem Schafott noch einmal
müde und ruhig in den Schlaf zu sinken. Wir lasen aber auch die berühmte Antho-
logie expressionistischer Lyrik Menschheitsdämmerung, die 1920 von Kurt Pinthus
herausgegeben wurde. Wir lasen Die Weber von Gerhart Hauptmann und Arbeiter-
dichter wie Lersch, Gerrit Engelke, Karl Bröger und Theodor Däubler. Die Lektüre
von Thomas Manns Romanen Die Buddenbrocks und Tonio Kröger führte bei mir zu
einer lebenslangen Faszination. Die Bücherverbrennungen durch die Nazis einige
Jahre später waren ein Schock für mich. Thomas Mann auf dem Scheiterhaufen?!
Es war nicht zu fassen. Aber auch den Goetheschen Freiheitshelden Egmont ereilte
sein Nazi-Schicksal: Gegen Ende des Krieges verbot der Reichsdramaturg den deut-
schen Theatern die Aufführung des Stückes.
Drittes Beispiel: Unser Geschichtslehrer, gleichzeitig Direktor unserer Schule, las
mit uns in der Geschichts-Arbeitsgemeinschaft Memoiren, Literatur über den vor
neun Jahren beendigten Ersten Weltkrieg. Diese Form des Unterrichts war damals
etwas vollkommen Neues. Wir lernten, wie verschieden von verschiedenen Autoren
über ein und dieselbe Sache geurteilt werden kann, nämlich, um mich eines Be-
griffs von Jürgen Habermas zu bedienen, entsprechend dem jeweiligen erkennt-
nisleitenden Interesse. Wer eine solche Anleitung einmal erfahren hat, der hat es
leichter, sich gegen Verabsolutierung, gegen Indoktrinierung zu wehren. [...]

Nachstehend zitiere ich aus den Schlußsätzen meiner Ansprache als "goldene"
Abiturientin bei der Abiturienten-Entlassungsfeier 1978 in der Sophienschule:
"Euch Jungen möchte ich sagen: Seid wach, seid kritisch, drückt euch nicht vor
Politik, werdet aktiv, ergründet das Interesse derer, die von euch eines Tages ver-
langen könnten, Vernunft und Humanität zu vergessen. Laßt euch nicht für einen
neuen Krieg mißbrauchen, manchen dauert der Nichtkrieg bereits zu lange. Macht
euch kein Feindbild, laßt euch kein Feindbild einreden. Seid neugierig auf das
Fremde, offen für das Andere, habt den Mut, es insgesamt als humanen Reichtum
zu empfinden, weit über abendländische Tradition hinaus. Das Glück ist eine Eigen-
schaft des Mutes, nicht der Angst. Unsere Erde, der blaue Stern, wie die Astronauten
sie sehen können, ist schön. Lassen wir alle nicht zu, daß sie ein weiteres Mal ver-
wüstet oder gar in die Luft gesprengt wird. In Abwandlung von Friedrich Schiller:
,Das Leben ist der Güter höchstes'."

Gertraude Ils

Der Rückblick ist der Autobiographie von Frau Dr. phil. Getraude Ils, Theaterwissenschaftlerin,
Jahrgang 1909 ("Erinnerungen"), und zwar einem von der Verfasserin selbst herausgege-
benen Sonderdruck: «Nun gehen Sie hin und heiraten Sie!» Die Töchter der Alma mater im
20. Jahrhundert, Isolde Tröndle-Weintritt, Petra Herkert (Hg.), Kore-Verlag, 1997, S. 108 ff.,
entnommen.
Frau Ils dürfte eine der ältesten noch lebenden ehemaligen Sophienschülerinnen sein. Sie
zeigt immer noch Interesse an der Schule und hat der Veröffentlichung eines Auszugs aus
ihrer Autobiographie in der Festschrift zum Schuljubiläum gerne zugestimmt.

Renate Brombacher

NEUNJ AHRE SOPHIENSCHULE VON 1940 BI S 1949
Erinnerungen an neun Jahre Sophienschule
von 1940 bis 1949

Ich denke gern zurück
Edith Tetzlaff-Gröpke

Die Aula
An die Aula der Sophienschule kann ich mich noch sehr gut erinnern. Zu Weihnachten
1940 - damals sehr klein von Gestalt - hatte ich die Weihnachtsgeschichte (Markus-
Evangelium 2. Kapitel) von der mir riesig erscheinenden Bühne vorzutragen. Ferner
erinnere ich mich, daß an jedem Montagmorgen eine kurze Feierstunde in der Aula
stattfand, bei der Herr Oberstudiendirektor Bartels einige besinnliche Worte sprach
und geistliche oder auch fröhliche Lieder gesungen wurden, begleitet sehr häufig
durch den Musiklehrer am Flügel. Eine den Wochenanfang einleitende Feierstunde
habe ich erst wieder in einem von Quäkern unterstützten Internat in York/England
erlebt, wo unsere Tochter Beatrix sich für 6 Wochen zur Teilnahme am dortigen
Schulunterricht aufhielt. Die Feierstunden in der Aula waren für mich sehr eindrucks-
voll. Sie mahnten uns Schülerinnen, die uns betreffenden Pflichten einzuhalten.

Lehrer
An unseren Deutschlehrer, Herrn Dr. Denker, erinnere ich mich noch in ganz beson-
derer Weise. Er verpflichtete uns, den Spruch zu erlernen:
"Es gibt ein Wort, das Berge versetzt und das heißt: ,Ich will!'"
Das hat sicherlich geprägt. Es gab auch anderes, wie das Gedicht:

Mit dem alten Förster heut'
bin ich durch den Wald gegangen,
während hell im Festgeläut
aus dem Dorf die Glocken klangen.
Emanuel Geibel

Ferner sind mir in Erinnerung Frau Pelens, Frau Woltereck, Frau Wolf (sie gab Eng-
lischunterricht) und eine kleine, sehr aktive Sportlehrerin, die wir - so glaube ich
- "Kulle" nannten.
Als - ich weiß nicht, zu welchem genauen Zeitpunkt - der "Hitlergruß" als Ver-
pflichtung in allen Schulen eingeführt wurde, begann plötzlich das Verhalten zwi-
schen Schülern und Lehrern unpersönlicher zu werden. Der Gruß galt nicht mehr
dem Gegenüber, sondern wurde so dahingesprochen.

Unterricht im Krieg und in der Nachkriegszeit

Dann kamen die Bombennächte. Ein Teil der Schülerinnen wurde nach Treseburg
evakuiert. Andere Eltern entschlossen sich, ihre Kinder privat unterzubringen.
Dazu gehörten auch meine Schwester und ich. Wir erlebten das Kriegsende auf ei-
nem Bauernhof in Altenhagen I bei Springe.
Soweit ich mich erinnere, begann der Schulunterricht erst wieder im Jahre 1946.
In diesem Winter 1946/47 wurde teilweise in Privatwohnungen Unterricht erteilt
- selbstverständlich ohne Bücher. Später erhielten wir Schichtunterricht. Die
eine Schule wurde morgens unterrichtet, die andere nachmittags, wöchentlich im
Wechsel.
Selbst Physik, Chemie und in großen Zügen auch Mathematik wurden fast bis zum
Abitur nur in mündlichem Unterricht vermittelt. Wir waren gehalten, alles Wissens-
werte mitzuschreiben, was später auch für das Studium hilfreich war.
Da ein Teil unserer Ideale und die uns vormals auferlegte selbstverständliche "Pflicht-
erfüllung" nach dem Kriegsende etwas gelitten hatten, nahmen wir - jedenfalls in
der von mir besuchten Klasse - die Schulpflicht zunächst nicht sehr genau.
Wir konnten zudem immer behaupten, wir hätten die Schule nicht pünktlich errei-
chen können, weil die Straßenbahnen überfüllt gewesen wären.
Als dann Frau Dr. Bernecker die Direktorenstelle in der Sophienschule übernahm,
wurde die Pflichtauffassung plötzlich wieder ernst genommen, und es gelang, un-
serer Klasse tatsächlich mathematische Kenntnisse zu vermitteln.
Vieles, was uns in der Schulzeit wegen der Gegebenheiten nicht überbracht werden
konnte, war später nachzuholen, insbesondere auch Motivationen des Lernens.
Am 19. Mai 1949 - so jedenfalls ist es in meiner Erinnerung - erhielten wir in un-
serer Klasse mit 14 Schülerinnen das Abiturientenzeugnis. Wir waren überglück-
lich, in einen neuen Lebensabschnitt entlassen zu sein.

Meine Grüße gelten meinen früheren Mitschülerinnen und meine Wünsche den
heutigen Abiturienten, die unter viel schwierigeren Bedingungen einen Weg in das
Berufsleben suchen müssen."


Adelheid Kroemer geb. Gille:
"Manchmal, auf dem Heimweg stadtauswärts oder aus der List kommend, wird mir
plötzlich bewusst: Jetzt bist du ganz nahe bei deiner alten Schule ... Manchmal
mache ich dann einen Schlenker durch die Seelhorststraße, um einen Blick auf
das rote Gemäuer mit der Büste der Kurfürstin Sophie zu werfen. Manchmal aber
packt mich auch eine plötzliche Unlust, und ich mache einen Bogen um dieses
Gemäuer.
Welche Erinnerungen habe ich an meine Schulzeit in der Sophienschule der Jahre
1950 bis 1959? Ich muss den Anfang suchen.
Die Aufnahmeprüfung im März des Jahre 1950. Ein handverlesenes Häuflein klei-
ner Mädchen aus Kirchrode wurde 14 Tage lang mit anderen auf seine Eignung zum
Besuch der Höheren Schule getestet. Wir bestanden. Dumme, eingebildete kleine
Dinger waren wir damals! Wir wussten doch, dass viele und Begabtere in der Volks-
schule blieben, weil sie ihre Väter im Krieg verloren hatten und die Mütter das
Schulgeld nicht bezahlen konnten. Wir fühlten uns trotzdem als etwas Besonderes
und ließen es die anderen bis Ostern 1950 auch spüren.
Die Einschulungsfeier im April 1950 fand im Zeichensaal statt. Die Aula war wegen
Bauarbeiten noch nicht benutzbar. Auch die Sophienschule hatte im Krieg arg
gelitten. Erst kurz vor Weihnachten des Jahres 1949 hatte man die Turnhalle
und vier Klassenräume wieder aufgebaut, bald darauf den dritten Stock unter
Dach und Fach gebracht. Mein erster Schultag führte an den Trümmergrund-
stücken der Bultstraße vorbei. Täglich begleiteten uns die Ermahnungen der
Eltern, ja nicht vom Wege abzugehen. Ein Kriegskindalptraum begleitete mich
lange Jahre: Ich balancierte im Traum auf den hochaufragenden Mauern eines
Trümmerhauses.
Der Vater einer Schulfreundin war noch in russischer Kriegsgefangenschaft. Er hatte
seiner Frau eine Nachricht zukommen lassen, die Tochter ja in die Höhere Schule
zu schicken. Aufregend fanden wir das! Kurze Zeit später kehrte er zurück, mit dem
ersten Schub der durch Adenauer freigekommenen russischen Kriegsheimkehrer.
Strenge Sitten herrschten damals in der Sophienschule! Wenn man die Schule be-
trat, musste man einen Knicks vor Frau Oberstudiendirektorin machen. War er nicht
tief genug, musste man noch einmal zurück.
Meine Deutschlehrerin im 5. Schuljahr verblüffte ich durch einen Beitrag zur deut-
schen Geistesgeschichte. Auf die Frage, welche bedeutenden deutschen Dichter
wir schon kennen, steuerte ich den Namen meiner geliebtesten "Dichterin" bei:
Else Ury. Die schmunzelnde Abwehr meiner Lehrerin ließ ein Weltbild in mir zu-
sammenbrechen. Ein neues war rasch aufgebaut, vornehmlich durch die profunde
Kenntnis deutscher Balladen.
Der erste Tadel "Adelheid schwatzt" brachte mich an den Rand eines Nervenzu-
sammenbruches. Und wie leicht sich die Lehrer damals ärgern ließen! Leises Pfei-
fen, nasse Kreide, Stühlerücken oder ein Wecker im Klassenschrank ließen den
ganzen Unterricht zusammenbrechen. Große Anerkennung wurde dem gezollt, der
solche Störungen mit gelassener Heiterkeit ertrug.
Damals war so genannter Schichtunterricht, weil die Räume nicht reichten. Wir
kamen abwechselnd früh um 8 Uhr und mittags um 13.20 Uhr. Dann war der Un-
terricht erst um 18.20 Uhr aus.
In der 7. Klasse wählte ich Latein als zweite Fremdsprache, um mit meinen Freun-
dinnen zusammenbleiben zu können. "Puellae aram coronis ornant", "discere, disco,
didici"... Meine Schulfreundin Leni lernte mit doppeltem Eifer Stammformen. Sie
hatte einen "Freiplatz" und musste Wohlverhalten auf der ganzen Linie zeigen,
sonst hätte sie ihn verloren.
Wir hatten im Großen und Ganzen eine vergnügte Zeit. Wir fuhren ins Landheim
nach Hambühren, damals wirklich zur Erholung und um zuzunehmen. Bei der An-
kunft und vor der Abfahrt wurden wir gewogen, ob von Makkaroni mit Tomaten-
soße und Vierfruchtmarmeladebroten etwas hängen geblieben sei. Unser größtes
Vergnügen war, dem Lehrer Schuhcreme auf die Zahnbürste zu drücken.
Am Ende der 8. Klasse verließen einige meiner Klassenkameradinnen die Schule.
Sie kamen "vom Lande" und hatten genug Geistiges gelernt. Nun sollten sie auf
einer Hauswirtschaftsschule zu Hausfrauen und Müttern gerüstet werden.
In der 9. Klasse wählte ich Griechisch als dritte Fremdsprache. Die Klassen wurden
für etwas Besonderes gehalten. Wir hielten uns deshalb für die Elite der Schule
und beobachteten Inferioritätsgefühle bei den Latein- und Französisch-Klässlern.
Humanistisches Gedankengut entnahm ich allerdings weniger dem Übersetzungs-
gestokel im Latein- und Griechischunterricht meiner Schulzeit als vielmehr ein-
schlägiger Lektüre, die ich später las.
Mit 15 Jahren besuchte ein Großteil der Klasse die Tanzstunde. Zur gleichen Zeit
erlebte ich bewusst eine erste Kränkung. Die ersten "Hausbälle" fanden statt, und
ich wurde nicht eingeladen. Viel später erfuhr ich den Grund: Mein Vater, ein groß-
zügiger und besonnener Mann, war "nur" Kaufmann.
Mit 16 Jahren verliebte ich mich zum ersten Male heftig, und die Schule geriet etwas
in den Hintergrund. Etwa zur gleichen Zeit entdeckte ich Polycolor-Blondierungs-
creme und rosa Lippenstift. Ein Lehrer, der mir wohlwollte, bestellte meine Mutter
in die Schule und riet ihr, mildernd auf mich einzuwirken; meine Versetzung war
gefährdet. Ich war so brav und rein, durfte nur zweimal in der Woche bis 21 Uhr
ausgehen, doch meine Lehrer sahen Anzeichen beginnender Verwahrlosung in
meinem Habitus. Ich war empört, fügte mich aber, rüstete um auf mittelblonde
Hochsteckfrisur, legte einen geistigen Endspurt vor und wurde versetzt.
Meine innigste Freundin musste mit der Mittleren Reife die Schule verlassen. Ihr
Vater war nicht bereit, länger Schulgeld zu zahlen. Seine Tochter sollte baldmög-
lichst Geld verdienen. Der Lateinlehrer intervenierte, umsonst. Diese Freundin hat
nie ganz verwunden, das Abitur nicht gemacht zu haben, obwohl sie eine beacht-
liche Karriere gemacht hat. Ich suchte mir eine neue Schulfreundin. Ich brauchte
eine Vertraute, um die Unbilden des Schulalltags zu überstehen. Es stellte sich
bald heraus, dass sie eigentlich mich brauchte. Sie war ein sportliches, mathema-
tisch und sprachlich begabtes Mädchen, aber leider mit dem damals unverzeih-
lichen Makel behaftet, im Fach Deutsch "schlecht" zu sein. Es fiel ihr schwer, fünf
Seiten über einen Aphorismus von Marie von Ebner-Eschenbach zu orakeln oder beim
Eintritt der Lehrerin aus dem Stand das Wichtigste aus "Maria Stuart", 1. Aufzug,
4. Auftritt, wiederzugeben. Während wir anderen hastig das Reclamheftchen auf
den Knien aufblätterten, erlebte sie stehend das Waterloo eines Deutsch-Versa-
gers: "Setzen, 5!!" Mit einer Fünf in Deutsch blieb man damals sitzen. Um die
Freundin zu retten, redigierte ich komplett einen mehrseitigen Aufsatz. Umsonst,
auch dieser wurde mit Fünf benotet.
Wenig später geriet die Germanistik in die Krise, aber solche Demütigungen sind
nicht wieder gutzumachen. Bei einem Treffen unter Mitvierzigerinnen gestand mir
diese Freundin neulich, dass sie noch heute gelegentlich schweißgebadet erwache
- sie hatte von der Schule geträumt.
Ich selbst hatte in diesem Fach keine Schwierigkeiten. Als ich aber in der 12. Klasse
meine angebetete Lehrerin um ein Thema für eine Jahresarbeit (eine zusätzliche
Fleißaufgabe, für die man sich freiwillig melden konnte) bat, da riet sie mir, davon
abzusehen. So gut sei ich nicht.
So gern ich mich hin und wieder an meine Zeit in der Sophienschule erinnere -
gelegentlich muss ich einfach einen Bogen um das rote Gemäuer machen."


"Du traust dich ja doch nicht ..."

Gerhard Roemheld

"Wer hätte es nicht schon einmal erlebt, zu welchen "Heldentaten" diese aus Ironie,
leichtem Vorwurf, aber auch Anfeuerung geborene Bemerkung ihren Adressaten
hinreißen kann! Recht häufig ist es Unfug, zu dem auf diese Weise angestiftet
werden soll. Und in dem Fall, den ich hier zu schildern beabsichtige und für welchen
der erwähnte Ausspruch das auslösende Moment war, war das nicht anders.
Frühsommer im Hungerjahr 1946. Selbst Geburtstagsfeiern hatten damals etwas
Spärliches, ließen sie sich doch kaum durch "Zutaten" aufmischen, von denen -
wie zum Beispiel einfach nur echtem Bohnenkaffee - man in den damals knappen
Zeiten allenfalls träumen konnte, die aber für den normalen Sterblichen völlig un-
erreichbar blieben und die - je knapper sie waren - desto größere Begehrlich-
keiten erweckten, Alkohol etwa, der praktisch nicht zu kriegen und eben deshalb
als "Freudenspender" herzlichst erwünscht war.
Konnte sich ein junger Mann aber mit einem Vater schmücken, der Arzt war, und
hatte er dadurch wenigstens einen gewissen Zugriff zu dieser Rarität, so gewann
eine Feier, die er mit zwei Freunden veranstaltete, von vornherein eine höchst
willkommene Qualität und Lockerheit, und in fortgeschrittener Stunde fiel dann
die diesem Bericht vorangestellte Bemerkung.
Das konnte man ja wohl nicht auf sich sitzen lassen, und so fanden sich die drei
Freunde eines schönen Juni-Nachmittags im Heizungskeller der von Bomben-
schäden arg in Mitleidenschaft gezogenen Sophienschule wieder, um sich dort aus
gesitteten Primanern des Ratsgymnasiums in echt - weil leicht zerlumpt - wirken-
de Handwerksburschen einer Tischlerei zu verwandeln. Den beiden obersten Klassen
dieser damals reinen Mädchenschule galt ihr Streben. Dort saßen nämlich im nach-
mittäglichen Unterricht die Freundinnen (Tanzstunden,damen' oder auch schon
mehr) der drei Jünglinge, und ebendort fand sich eine zwei Klassen voneinander
trennende Schiebetür, die - stark lädiert - gründlicher handwerklicher Zuwendung
bedurfte.
Der Einfall in die erste der beiden Klassen, in der passenderweise just Biologieun-
terricht stattfand, erwies sich schon als gelungener Auftritt. Den Mädchen, die uns
natürlich erkannten, blieb förmlich die Luft weg, als wir uns erkundigten, ob dies
"die Klasse mit die kaputte Schiebetür" sei; nicht aber der Studienrätin, die wis-
sen wollte, ob wir mit unserem Wirken nicht bis zur Beendigung der Stunde warten
könnten. "Der Meister hat jesacht, um sechse müßten wa wieda da sein" wurde sie
abschlägig beschieden. Dem Beginn des fachmännischen Wirkens stand jedoch
noch ein Hindernis im Wege, nämlich eine quer vor der Tür stehende lange Holz-
bank, auf welcher eine Referendarin thronte, für deren Ohren die Ausführungen
der Lehrerin zu Fragen der Vererbungslehre weit besser geeignet waren als für die
unsrigen. Aber dann ging's los: Es wurde gemessen, berechnet, notiert, erneut
gemessen und notiert, ehe die Tür geöffnet wurde, um sie auch von der anderen
Seite in kritisch-"fachmännischen" Augenschein zu nehmen. Dort nun saß die
zweite Mädchenklasse, deren Schülerinnen wir ebenfalls bestens bekannt waren
und die nun gleichartige Schwierigkeiten beim Luftholen vor unterdrücktem La-
chen bekamen, wie sie die von uns zuvörderst beglückten gerade erst überstanden
hatten. Erneut begann die außerordentlich kompetent wirkende Arbeit, und auch
hier war für eine gute Viertelstunde an eine geordnete Fortführung des Unterrichts
nicht zu denken.
Aber auch das ging vorüber. Die Tür wurde geschlossen, die Bank wieder an ihren
Platz gestellt und die aufgescheuchte Referendarin mit einem freundlichen "So,
Frollein, nu könn' se wieder platzen!" wieder in ihre Rechte eingesetzt. Die braven
Handwerker räumten das Feld, und die in arge Turbulenzen versetzten Mädchen
fanden allmählich ihre Fassung wieder.
Nun aber glaubte die Studienrätin, die verlorene Unterrichtszeit durch einen wahr-
haft pädagogischen Kraftakt wieder ausgleichen zu müssen. Demgemäß sprach sie
zu ihren Schülerinnen also: "Ich verstehe überhaupt nicht, meine Damen, daß Sie
sich durch den Anblick dreier männlicher Individuen so aus der Fassung bringen
lassen. Schließlich, meine Damen, muß man doch auch die ehrliche Arbeit dieser
Volkskreise zu würdigen wissen!" Warum die "Damen" bei dem Stichwort "ehrliche
Arbeit dieser Volkskreise" in ein wahrhaft undamenhaftes Gelächter ausbrachen,
blieb für die Pädagogin freilich ein Rätsel.
Aber irgendwie rausgekommen ist es schließlich doch, dass hier einiges nicht mit
rechten Dingen zugegangen war. Die weiterhin unrepariert ihr Dasein fristende
Schiebetür war hierfür mindestens ein Indiz. So wurde der "Fall" zum Gegenstand
der Erörterung in einer Konferenz des Kollegiums der Schule. Irgendwie hatte man
herausbekommen, dass hier Schüler des Ratsgymnasiums ihr Unwesen getrieben
hatten. Also - so jedenfalls die Fama - beschloss man, sich bei sich bietender Ge-
legenheit angemessen zu revanchieren. Ob dieser Beschluß jemals realisiert wor-
den ist, hat der Verfasser allerdings leider nicht in Erfahrung bringen können.
Wer aber waren denn nun die drei "Strolche"? Nun - soviel sei verraten: Alle drei
wurden Juristen, die ja nach einer alten Volksweisheit schlechte Christen sind. Einer
avancierte zum Staatssekretär in einem Bundesministerium in Bonn, der zweite wurde
allseits geachteter Amts- und Stadtdirektor in einem Regierungsbezirk des Landes
Nordrhein-Westfalen. Der dritte blieb Hannover und hier insbesondere auch der
Sophienschule treu. Nachdem er die damals schon heftig umschwärmte Maid aus
einer der beiden in Turbulenzen versetzten Klassen geehelicht hatte, besuchten
später seine beiden Töchter - natürlich - ebenfalls die Sophienschule. Ihm selbst
wurde eine interessante Aufgabe im Niedersächsischen Ministerium des Innern über-
tragen. Daneben übernahm er ehrenamtlich für vier Jahre den Vorsitz im Schuleltern-
rat der Sophienschule. In dieser Position versuchte er - hoffentlich nicht völlig
erfolglos - nützliche Arbeit für die von ihm so vielfach geliebte Schule zu leisten
und nach Möglichkeit in ihrem Dunstkreis keine dummen Streiche mehr zu begehen."