Tellkampfschule Hannover
Abiturientia von 1955
- eine Collage aus Erinnerungen an die Nachkriegszeit von 1946 bis 1955

Hannover erlitt allein im Jahre 1943 fünf schwere Luftangriffe. Diese beschädigten oder zerstörten einen Großteil der Schulen, auch die Tellkampfschule am Georgsplatz; andere Schulgebäude wurden für kriegswichtige Zwecke beschlagnahmt. Schon ab September 1943 war von geregeltem Unterricht kaum noch zu sprechen: häufiger Fliegeralarm, Schüler als Flakhelfer, Unterricht in Kellerräumen, Klassenräume zerstört, Schuljahrgänge mit ihren Lehrern evakuiert. Sechs- bis Vierzehnjährige erhielten keinen Unterricht mehr, die als Flakhelfer dienstverpflichteten 15- bis 17jährigen Schüler wurden in einer Schule zum Unterricht zusammengezogen. Ende 1944 fand an einer Mädchenschule noch eine Abiturfeier statt, die Zeugnisse mussten die Schülerinnen sich in der Privatwohnung des stellvertretenden Schuldirektors im April 1945 abholen. Nach dem Kriegsende im Mai 1945 mussten sich in Hannover alle Schüler am 23. Juli morgens um 8:30 Uhr an ihren früheren Schulen zu einem Arbeitseinsatz einfinden: einige jäteten Unkraut auf dem Engesoder Friedhof, andere sammelten Heilkräuter in der Umgebung; einige Tonnen sollen in Hannover zusammengekommen sein. Am 1. Oktober 1945 begann der Unterricht für die Unter- und Mittelstufen der höheren Schulen, so auch an der Tellkampfschule [3].

Die folgenden Fragmente der Erinnerungen an die Schulzeit erheben keinen Anspruch auf chronologisch genaue Abfolgen und keine historischen Bewertungen. Für geschichtlich Interessierte ist die Schrift 150 Jahre Tellkampfschule von 1985 zu empfehlen. Ziel ist es Alltäglichkeiten und Stimmungen zu schildern. Mit uns, der Generation der Abiturienten von vor mehr als fünfzig Jahren, verschwindet die Erinnerung an unsere unmittelbare schulische Nachkriegszeit. Die Idee für diese Darstellung entstand beim Klassentreffen der ehemaligen 13b (naturwissentlicher Zweig) anlässlich des 50. Jahrestages unseres Abiturs. Eine über diese Schülererinnerungen hinausgehende zeithistorische Darstellung findet sich in [3] und [6].

Die Erinnerung geht zurück zum April 1946. Nach erfolgreicher dreitägiger Aufnahmeprüfung an der Oberschule für Jungen, der Tellkampfschule, wurden vom Schuldirektor Prof. Dr. Ernst Berneburg je Klasse fast vierzig Jungen, jeder mit seinen Kriegserlebnissen, zum Unterricht begrüßt. Prof. Berneburg machte uns schnell mit seinen Erwartungen an uns Schüler vertraut: Haltung, Leistung, Würde und Höflichkeit. Die Wilhelm-Raabe-Schule, Gymnasium für Mädchen, an der Langensalzastraße nahm uns als Untermieter auf.
Beide Schulen unterrichteten abwechselnd von Montag bis Samstag vormittags von 8 Uhr bis 12:30 Uhr und von Montag bis Freitag nachmittags ab 13:15 Uhr bis 18:15 Uhr. Das Schulgebäude war vom Kriege stark getroffen. So fehlte z.B. ein Teil der Hauswand des Musiksaals zur Straße.. Die Bausubstanz war nur notdürftig hergerichtet: statt Fensterglas oft nur Bretterverschlag, günstigenfalls sogenanntes Drahtglas - heute würde man Folie dazu sagen -, die Heizung ersetzten wir durch Mantel, Schal und Handschuhe. Die Lage in der Schule ähnelte der Situation in den Familien, sofern die Eltern nicht den Mut hatten, Holz aus der Eilenriede zu "besorgen”, es sei denn, sie "fanden” glücklicherweise am Bahndamm Kohlen. Im strengen Winter 1946/47 war beides lebenswichtig. Der rare Brennstoff verknappte auch das warme Wasser für die Körperhygiene. Zeitweilig reichte die Restwärme des kupfernen Wäschekochkessels in der Waschküche nach der großen Wäsche. Zwischendurch half z. B. die städtische Badeanstalt am Küchengarten in Linden mit Dusch -und Wannenbädern aus.
Die Sorge um das tägliche Brot kümmerte uns Schüler um 1946/47 weniger, die Eltern umso mehr. Eine Selbstversorgung wurde dringend. Bei der sog. "Brachlandaktion" wurde Bürgern zum Kriegsende hin die Rasenflächen im Stadtgebiet und die Grünflächen der damaligen Pferderennbahn auf der Bult zum Gemüseanbau bereitgestellt. Man hoffte später zu ernten, was man gesät und gepflanzt hatte. Da mussten wir Kinder schon nach den Schulaufgaben mithelfen. Andere bauten ihr Gemüse auf den Hofflächen zwischen den Mehrfamilienhäusern an oder zogen Tomaten an den Hauswänden bis zur Reife. Den notwendigen natürlichen Dünger spendeten die Pferdefuhrwerke, nur von der Straße aufnehmen musste man ihn schon. Zwischen dem Grün lieferten Kaninchenställe etwas Fleisch für den kargen Familientisch.
Trotz dieser schlimmen Voraussetzungen mussten unsere Eltern Schulgeld bezahlen. In Erinnerung sind zwanzig Reichsmark pro Monat. Das Schulgeld wurde bis in die Mitte der 50iger Jahre fällig. Schulbücher und Unterrichtsmaterialien fehlten anfangs. Manche Utensilien für den Unterricht, z.B. Zirkel, mussten in sogenannten Tauschzentralen gegen Naturalien, im wahren Sinne des Wortes "erstanden" werden; manchmal eine halbe Nacht lang. Gängig war holzfaserreiches Schreib- oder besser gesagt: Packpapier - wenn man es irgendwo erhalten konnte. Natürlich mangelte es an Tinte; Reste von Bleistiften dienten als Ersatz. Die Lehrer behalfen sich z.B. mit beschreibbaren Zeitungsrändern oder gebrauchten Briefumschlägen für ihre Unterrichtsvorbereitung. Die britische Militärregierung gab in den folgenden Zeiten nach und nach Unterrichtsstoffe frei. Auffällig war, dass die Unterrichtsinhalte für Geschichte sich von Schuljahr zu Schuljahr änderten. Also kauften unsere Eltern jedes Mal neue Schulbücher.
Die Schulwege durch die noch trümmerreiche Stadt mussten "per pedes" oder - so vorhanden - mit dem Fahrrad geschafft werden. Andernfalls rumpelten wir mit der stets überfüllten - nach heutigen Einschätzungen - nostalgischen Straßenbahn, oft nur trittbrettfahrend zur Schule und nach Hause. Letzteres gab uns- im heutigen Sprachgebrauch- den "Kick" und der Schaffner konnte das Fahrgeld nicht kassieren. Damals erhielten wir Schüler wegen der katastrophalen Lebensmittelversorgung täglich eine warme Schulspeise, finanziert u. a. durch die Hoover-Stiftung und die Quäker, eine amerikanische Religionsgemeinschaft. Unsere Kochgeschirre aus der Zeit des Krieges - wenn überhaupt vorhanden - aktivierten wir mittags wieder zum "Essenfassen" und zierten uns nicht, Reste mit nach Hause zu nehmen. Erinnert werden muss auch an die von der Graf-Bernadotte-Stiftung ausgegebene Bekleidung und Schuhe für Schüler, die es durch Ausbombung und Evakuierung hart getroffen hatte. Wegen der strengen Rationierung jeglicher lebens-notwendiger Güter blühte der verbotene Schwarzmarkt - vornehmlich am Hauptbahnhof. Für viele Eltern war dies Geben und Nehmen ein Muss, allerdings mit Gefahren: Maschinenöl statt Speiseöl! Auf dem Schulhof hörten wir den Erzählungen von Mitschülern zu, die auf dem Schwarzmarkt heimlich tätig waren, sicher nicht nur in der unterrichtsfreien Zeit. Nicht so bedrohlich, doch entwürdigend war der Tauschhandel auf dem Lande in der näheren Umgebung, ja, bis in den süddeutschen Raum zogen die Menschen. Weniger ertragreich: zeitweilig füllte die Nachlese abgeernteter Kartoffelfelder - auch Stoppeln genannt - den Mittagstisch. Hinzu kamen Wohnraumprobleme, da die Stadt Ausgebombte und Vertriebene in viele Wohnungen einweisen musste.
Langsam kehrte aber bürgerliches Leben wieder zurück. Niedersächsischer Lebenswille zeigte sich in der Niedersachsen-Schau - Planen und Schaffen- im August 1946 auf dem Gelände neben der Stadthalle. Schon ein Jahr später startete die Export-Messe Hannover. Um die Menschen in diese Leistungsschau zu ziehen, um bürgerliches Selbstbewusstsein zu wecken, gab es Brötchen mit Bismarckhering und ein Gläschen niedersächsischen Korn. Für die Messezeit rückten viele Bürger noch enger zusammen, auch manche unserer Eltern, um den Gästen "Bett und Frühstück" zu bieten. Wir Schüler musterten zu dieser Zeit mit glühenden Augen die vielen Autos ( in damaliger Vorstellung) auf und in den Straßen!
Mit der Währungsreform 1948 verbesserten sich die Lebensumstände, obwohl die Familien im Sommer 1948 nur 40 DM pro Handgeld erhielten und die privaten Rücklagen (Umtausch 10 RM für 1 DM) fast wertlos geworden waren. Die Schulspeisung wurde später eingestellt. Die Rationierung der Lebensmittel dauerte bis Mitte 1950!
Später, 1949, wurde Hannover schon übermütiger: das erste und einzige Autorennen in Hannover, das Maschsee Rennen, wurde gestartet. Die Rennstrecke führte auch durch die Langensalzastraße, am ersten Schulgebäude vorbei. Schade, die Tellkampfschule war da schon umgezogen .

An Lehrer, die uns über längere Zeit begleitet haben oder als individuelle Charaktere sich einprägten, sollen hier Erinnerungen skizziert werden:
Die meisten Lehrer waren gerade aus der Gefangenschaft heimgekehrt oder als Vertriebene an die Schule gekommen. Ihre Schicksale ließen sich letztlich an der Kleidung erkennen. Unvergesslich sind die Tränen in den Augen von Altphilologe Dr. Wolfgang Kletzel, unserem Evangelischen Religions- und späteren Lateinlehrer, als er zu Weihnachten mit Sachen des notwendigen täglichen Bedarfs beschenkt wurde. Seine Familie war in den Kriegswirren umgekommen, in Hannover stand er ganz allein. Wegen seiner väterlichen Art nach außen wie nach innen nannten wir ihn lautmalerisch "Pepi Kletzel".

Bis 1953 stand Prof. Berneburg der Schule vor. Sein Sohn, der später als Archivar und Bibliothekar am Kloster Loccum tätig war, hat in seinem Buch "Von Vertrauen und Geschichte” neben der Abschiedsrede seines Vaters auch die Ansprache des Schulleiters bei der Entlassung der Abiturienten im März 1952 veröffentlicht:
"Es kam das Ende des neuen Weltkrieges, an dem ich auch wieder von Anfang bis Ende teilnahm. Es kam das Jahr 1945, in dem wir erneut an die eigentliche Arbeit zu gehen hatten. Hinter uns lagen rauchende Synagogen, ein unmenschlicher Wortverschleiß, die Zerstörung der Häuser, in denen wir einigermaßen gesichert zu wohnen meinten. Hinter mir lag der Verlust einer in Jahrzehnten aufgebauten umfangreichen Bücherei, aller wissenschaftlichen Aufzeichnungen und Erinnerungsstücke. Vor uns als den Überlebenden lag die Aufgabe, ans Werk zu gehen in heilsamer Nüchternheit der Besinnung und zugleich in mutiger Entschlossenheit.
Haben wir diese Stunde recht genutzt? Oft beschlich mich in den letzten Jahren die Sorge, dass wir die Stunde der Umsinnung verpassten. Seien wir als Tellkampfschule dessen eingedenk, was es bedeutet, das eigene Haus verloren zu haben und jetzt im dritten Gebäude seit Kriegsende zu Gast zu sein!”(aus der Abschiedsrede vom 23.Sept.1953; wenige Wochen später verstarb er).

Professor Berneburg war eine Persönlichkeit pflichtbewusster, preußischer Prägung, dessen Erscheinen allein in uns Schülern die strengen Prinzipien der Schule sofort wachrief. In diesem Sinne mahnte uns täglich die im Herbst 1947 im Schulgebäude aufgestellte Steinplastik des Bamberger Reiters. Später erfuhren wir von Berneburgs philologischen Schriften, die sich einerseits mit der "Charakterkomik bei Molière”, andererseits mit der "Einführung in die Englische Lautkunde” beschäftigten. Seine entschiedene Meinung zu späteren schulischen Tanzveranstaltungen klingt noch immer in unseren Ohren: "Zuchtlose Massenveranstaltung".

Unser erster Klassenlehrer war der Kunsterzieher Otto Gleichmann. Er verließ die Schule nach kurzer Zeit , um als freier Künstler tätig zu sein. Gleichmann gehörte zu den bekannten Künstlern um Klee, Dix, Schwitters, Kandinsky und andere, die Nationalsozialisten machten sie Mitte der 30iger Jahre als "entartete Künstler" brotlos. Gleichmann gelang es still seinen Lebensunterhalt im Schuldienst zu sichern. Wir Schüler wussten damals nicht, welcher bekannte Zeichner und Maler vor uns stand.
Dem Kunsterzieher Gleichmann folgte als Klassenlehrer der Philologe Dr. Walter Schnabel. Uns unterrichtete er in Englisch, als erste Fremdsprache, bis zum Frühjahr 1950. Er war ein begabter, Sprach- und Sprecherzieher, mit der Lehrbefähigung für Englisch, Französisch und Religion. Doch auch ein empfindlicher Mensch: einer von uns sprühte während des Unterrichts einen dünnen Wasserstrahl aus einem Gummiball ins Klassenzimmer. Dies erregte Dr.Schnabel so sehr, dass sogar von einem Schulverweis gesprochen wurde. Der Direktor hat es dann wieder eingerenkt. Mit ihm zogen wir im Frühherbst 1946 in das schon etwas reparierte Gebäude der Bürgerschule 34 am Altenbekener Damm, die wir im wechselnden Schichtunterricht von Montag bis Samstag mit drei anderen Schulen teilten. Der Schichtbetrieb ging von 8 Uhr bis spät abends. Im Gebäude der Volksschule Pfalzstraße blieben wir bis zum Umzug in das Gebäude der Bismarckschule im Jahre 1950.
Mit der Versetzung nach Klasse 7, Schuljahr 1948/49, mussten wir uns entweder für die Fachrichtung Naturwissenschaft oder Sprache entscheiden, dementsprechend wurden neue Klassengemeinschaften gebildet. Nunmehr konnte neben den Grundlagenfächern auch differenziert Unterricht für Musik, Kunst und Sport angeboten werden. Der Sportunterricht wurde schnell praxisnah genutzt: nachdem ein Mitschüler im Mittellandkanal ertrunken war, übten wir in der ungeheizten, aber eingerichteten Turnhalle das "Trockenschwimmen".

Der Unterricht bei Sportlehrer Herbert Lorenz beeindruckte uns mächtig. Hatten wir doch einen Teilnehmer an den Olympischen Spielen von 1936 (Turner) leibhaftig vor uns! Unvergessen ist auch das Boxturnier (mit echten Boxhandschuhen!) auf der Bühne der Turnhalle Pfalzstraße.

Der Bildhauer und Architekt Kurt Hoffmeister kam 1947 direkt aus der Gefangenschaft als Kunsterzieher an die Schule. Den seit Jahren verlassenen historischen Beginenturm nahm er als Notwohnung, um ihn in den folgenden Jahren mit eigenen Händen als Wohnung auszubauen. Er war ein besessener Kunsterzieher. Er sauste von Schüler zu Schüler, kein Taschentuch war ihm zu schade, unsere Werke zu trocknen und somit zu verfeinern. Wir nannten ihn später den "Schnellen Willi”, wahrscheinlich auch, weil er uns dazu angehalten hatte, unsere Aquarelle "flott hinzurotzen”. In seiner Begeisterung fehlte ihm allerdings jegliches Durchsetzungsvermögen, was wir Schüler mit Schwammschlachten schamlos ausnutzten. Kurt Hoffmeister starb bereits am 29. Januar 1953. Jetzt waren wir flegelhaften Schüler doch sehr schockiert, trugen wir nicht möglicherweise eine Mitschuld an seinem frühen Tod?
In den ersten Schuljahren lehrte der Nestor der Tellkampfschule Dr. Friedrich Roemheld, ein klassisch gebildeter Germanist, das Fach Deutsch. Deswegen und nicht wegen seines Gesichtsschnittes nannten wir ihn "Eule". Er war engagiert im "Bund für deutsche Schrift” und beschäftigte sich in wissenschaftlichen Schriften mit einer nach seiner Meinung erforderlichen Rechtschreibreform Unser erstes Aufsatzthema hieß: Fünf Zentimeter Schnee und ein bisschen Wind in der Stadt! Benotet wurde neben dem Gesamteindruck auch unsere Handschrift. Dr. Roemheld wechselte 1954 in das ausgegründete Gymnasium, die (neue) Schillerschule.
Als weiterer Vertreter für das Fach Deutsch stand Professor Dr. Peter Diepers (Humboldt-Universität Berlin) vor der Klasse. Immer wieder brach bei ihm der Hochschullehrer durch. Sein prägnanter Satz: "Bildung ist, wenn man weiß, wo es steht; alles andere ist klebriges Gedächtnis" ist haften geblieben. In der Reihe der Germanisten darf Dr. Kreller nicht unerwähnt bleiben: nach einer kollektiven Unwilligkeit kurz vor den Weihnachtstagen wehrte er sich mit einen Aufsatz, der bis zum Ende der Ferien zu schreiben war. Dies wollten wir mit einer Boshaftigkeit ahnden. Als Arbeitsdatum verabredeten wir "Sylvester"! Fazit: der kollektive Rechtschreibfehler!
Über viele Jahre bis zum Abitur bemühte Günter von Eye, ein ausgeglichener Mensch, sich uns die Lehrinhalte von Mathematik und Physik zu vermitteln. Nicht nur das! Es gelang ihm auf humorvolle Weise unsere nicht nur naturwissenschaftlichen sondern auch die menschlichen Schwächen aufzudecken. Oft wurden wir sogar einsichtig!
Mit Beginn des Schuljahrs 1950/51 übernahm Günter Heynhold die Klasse in den Fächern Englisch und Französisch. Er vertrat auch das Fach Erdkunde, besser Heimatkunde: Wir "reisten”, seinem Zeigestock an der aufgehängten Deutschlandkarte folgend, von Nord nach Süd und mussten etliche Male überlegen, ob nun zuerst Marburg oder Gießen kam oder ob wir in Ludwigshafen am Rhein oder am Bodensee waren. Viele von uns begleitete er in Englisch bis zum Abitur. Im naturwissenschaftlichen Zweig konnten wir nach Klasse 11, nach einer "Vorreifeprüfung", eine Sprache abwählen.
Heynhold war in seiner ganzen Erscheinung preußisch geprägt, gradlinig und konsequent. Abwechselung in den Schulalltag brachten im Herbst 1952 und 1953 Landheimaufenthalte in Springe. Fotografien aus dieser Zeit zeigen die Wahrheit des Landheimleitspruchs "laeti discipuli, laeti magistri". Das Verhältnis Lehrer-Schüler wurde lockerer bei Fußball und Wandern mit Heynhold, aber auch bei der Gartenpflege unter Anleitung des Biologielehrers Dr. Lühring, stets mit der unverzichtbaren glimmenden Zigarre. Tatsächlich! Noch heute schmecken wir den morgendlichen Malzkaffee, die Marmeladestullen und den abendlichen Pfefferminztee; hören die scheppernden Aluminiumkannen und den grobgängigen Seilzug des Speisenaufzuges und riechen das Soda beim Geschirrspülen. Noch häuslicher wurden wir: Bettenmachen, die Schlafräume und das "Schwalbennest" (unter dem Dach) fegen, Tische decken und wieder abräumen und natürlich die Schuhe putzen - aber auf dem Hof! Was blieb noch haften? Kalt floss morgens das Wasser in die gusseisernen emaillierten Reihenwaschbecken, feucht die hölzernen Rosten auf dem Zementboden, trübe der Anblick der RAL-grünen Wände im Waschraum. Warm dagegen das Wasser bei gelegentlichen Duschen im Anbau, allerdings dort genau so "heimelig" wie im Waschraum! Zur gleichen Zeit – 1953 - wurde das 13. Schuljahr wieder eingeführt, das die Nazis 1936 abgeschafft hatten.
Ein Jahr vor der Reifeprüfung, 1954, gingen wir mit Heynhold auf eine mehrtägige Wanderfahrt nach bekannten Orten an Lahn (Heynhold hatte in Marburg studiert), Mosel und Rhein. Dabei wechselten sich Bahnfahrten und Tageswanderungen mit Blasen an den Füßen bei "Herr und Gescherr" ab. Wir übernachteten in Jugendherbergen damaliger Ausstattung: Armeezelten mit Feldliegen, in Koblenz in den feuchten Kasematten der Festung Ehrenbreitstein. Da wir uns in der französischen Besatzungszone aufhielten, waren wir vor den Anwerbern für die Fremdenlegion gewarnt worden. Anwerbeversuche fanden aber nicht statt. Ungewarnt und naiv labten wir uns im sonnigen Lahngebiet am "Äppelwoi"! Die Erfahrungen danach waren die Summe aller "Bembel"-Misserfolge. Dennoch erstaunten die ganz Sportlichen mit Handstand auf einem Marktplatz Lehrer, Kameraden und Bürger. Zum Abschluss besuchten wir per Schiff noch Bonn und den dortigen Bundestag.
Den Chemie-Unterricht bestritt Dr.-Ing. (darauf legte er großen Wert, besonders auf das "große I") Hermann Mayer, ein großer Bewunderer von Adolf Tellkampf wie u.a. seine im Stadtarchiv Hannover aufbewahrte Schrift "Adolf Tellkampf und seine Schule" (aus Geschichtsblätter 1952-1953) belegt. Trotz seines hohen intellektuellen Selbstbewusstseins gaben wir ihm in Anspielung auf seine kleine Statur den Spitznamen "Rex minimus" ein. Uns Schüler trieb er an mit dem Satz: "Leisten Sie erst mal was, bevor Sie mit mir reden!" Überlegen reagierte Mayer auf unseren Schülerscherz: ein kräftiger Klassenkamerad ließ sich in ein Digestorium einsperren. Füttern verboten prangte auf der Vorderseite! In die Chemiestunde kam Mayer, sah und sagte nichts! Der "homo erectus" blieb bis zum Ende in seinem Käfig.
Als sehr aktiver Pädagoge ist Paul Schütte zu nennen: immer bestens vorbereitet für seine Fächer Deutsch und Geschichte. Pünktlich mit dem Glockenschlag erschien er eiligen Schrittes in der Klasse und verließ sie rückwärtsgehend, weiter unterrichtend, bis die Tür sich schloss. Meist traf man ihn mit Hut und drahtgeflickter abgegriffenen Aktentasche. Seine aktive Mitarbeit in der Gesellschaft für deutsche Sprache spürten wir bei jedem Aufsatz an der Zahl unserer Ausdruckfehler! Für das Plattdeutsche warb er als Mitglied der "Plattdeutschen Gilde”, u.a. mit dem Spruch: "Wer Plattdütsch snackt, snackt eene Sprache mehr!". Seinen Unterricht gestaltete er durch bildliche Formulierungen äußerst anschaulich. So zum Beispiel in Geschichte, als "Napoleon den Österreichern über den Po an die Gurgel wollte". Als Hausaufgabe im Fach Deutsch mussten wir zu dem Ausdruck "der Regen stampft über das Land" ein Bild malen. Wir brachten darauf hin unsere Eltern dazu, gegen eine solche, nach unserer Meinung "kindliche Didaktik" zu protestieren. Sein Unverständnis gegenüber dem aufkeimenden Tourismus in südliche Gefilde äußerte sich in: "Lernen Sie erst mal den Köterberg (Kreis Höxter) kennen!" Unser Zeichner hat ihn an der Tellk(r)ampf-Presse meisterhaft dargestellt.
Dr. Carl Morotini war katholischer Priester, der von der St.- Ursula-Schule an die Tellkampfschule versetzt worden war. Mit ihm kamen auch eine Reihe katholischer Mitschüler. Er vertrat auch sehr temperamentvoll das Fach Französisch. Mit Leidenschaft ließ er viele Literaturstellen mit dem Ruf: "Dramatisez!" vorspielen ohne Rücksicht auf unsre unterschiedlichen Begabungen. Als wir nur recht zurückhaltend agierten, meinte er, wir hätten wohl "Limonade in den Adern”. Sein Religionsunterricht gestaltete sich weniger schwungvoll, dafür inhaltlich schon gewagter. Im Schulgottesdienst diente anfangs ein Flügel aus dem Musikraum als Altar.
Dr. Rudolf Lühring, einer der dienstältesten Lehrer mit respektablen Auftreten, unterrichtete uns bis Mittelstufe in Biologie und in Geographie. Wenn wir auf seine Fragen nach der landwirtschaftlichen Bedeutung eines Landes mit "Tabak und Wein” antworteten, war uns eine gute Note sicher. Davon träumten wir aber nur! Als leidenschaftlicher Jäger fiel es ihm nicht schwer, den Biologieunterricht anschaulich zu gestalten.
Heute erstaunlich, das gab es: Dr. Kurt Gerber erteilte samstagnachmittags interessierten Schülern in der Oberstufe experimentellen Biologie-Unterricht am Mikroskop. Seinem Kollegen merkten wir an, dass er noch nicht schülerresistent war und führten ihn aufs "Glatteis": den von uns erdachten "Kronen-Fisch" kannte er verständlicherweise nicht!
In Musik unterrichteten uns Otto Roy und Walter Hornschuh. Während Otto Roy das Konzertante vertiefte, war Hornschuh der Theoretiker am Flügel mit einhergehenden gesanglichen Anforderungen an uns. Immerhin hat er einen Klassenkameraden dazu bewegen können, ein Gesangstudium aufzunehmen, das ihn später unter anderem an das Theater St. Gallen führte. Die Schule hatte 1949 schon den Mut, ein Weihnachtsspiel in der Turnhalle aufzuführen. Dies begleitete ein Schulorchester unter Leitung von Otto Roy. In die musikalische Erziehung brachte auch das Opernhaus sich ein. Generalmusikdirektor Schüler hatte die Gymnasiasten eingeladen, sie in Smetanas Moldau einzuführen. Später hörten wir viele bedeutende symphonische Werke, teilweise sogar während der Unterrichtszeit.
Immer mehr beteiligten wir uns auch aktiv am kulturellen Leben. In der "Brücke" (früher Clausewitzstr., heute Adenauerallee), eine englische kulturelle Einrichtung in der Villa des ehemaligen NS-Gauleiters, sahen wir nicht nur englischsprachige Filme, hörten wissenschaftliche Vorträge, diskutierten über die Wiederbewaffnung, sondern, wir führten das Schauspiel "Der Geizige" von Molière auf (Foto mit Werner Holst in der Titelrolle auf dieser Seite) und wurden von der hannoverschen Kritik nachweislich gütig aufgenommen!

Als Nachfolger des früh verstorbenen Bildhauers und Architekten Kurt Hoffmeister übernahm es Horst Langner, uns mit der Welt der Kunst vertraut zu machen. Er spannte den Faden von der "Lebenslinie" bis zur Weinvermarktung, deren Erfolg, wie er nachwies, maßgeblich von der Gestaltung des Flaschenetiketts abhängt. Unsere Abiturzeitung hat ihm neben der Zeichnung von Albrecht von Kortzfleisch auch mit dem folgenden Text charakterisiert:
"Kollegen! Es gilt die Belange unsere entrechteten Berufsstandes zu wahren! Die Lehrergewerkschaft fordert:
1. Die Unterrichtsstunden sind um 35 Minuten zu kürzen!
2. Die Pause gehört dem Lehrer!
3. Es mangelt an ministerieller Fürsorge für unsere Raucher. In Klassenräumen und Fluren sind Rauchbestecke zu ergänzen!
4. Illustrierte Zeitschriften sollten endlich als bildende Lektüre anerkannt werden!"
Wie die Schillerschule in den auf dieser Seite zitierten "Wanderjahren" mitteilt, ist H. Langner später dort tätig gewesen.

Als Nichtschulisches im Schulischen galt für uns die Tanzstunde. Für die Jungen war es üblich, in der 10. Jahrgangsstufe die klassischen Tänze, aber auch Boogie-Woogie und Benimmregeln zu erlernen. Die Partnerinnen stammten aus einer 9. Klasse eines Gymnasiums für Mädchen. In dieser Zeit nahm die Lehrerschaft schulische Rücksicht auf unsere noch ungewohnte Nähe zum anderen Geschlecht und Heynhold erteilte wohlmeinende Ratschläge! Die Tanzdamen wurden von uns im Elternhaus abgeholt und wieder heimgebracht, sei es zu Fuß oder mit der Straßenbahn. Für die üblichen Mittel- und Schlussbälle erforderte die Etikette, sich vorher bei den Eltern vorzustellen.

Schließlich haben alle zwanzig Mitschüler der 13b die Reifeprüfung bestanden, einige absolvierten zusätzlich das Kleine Latinum bei Dr. Jung oder lernten Russisch in einer Arbeitsgemeinschaft bei Dr. Schnabel (in der nullten Stunde!
Leider leben einige von uns schon nicht mehr. Erst später im Leben, manchmal erst nach dem Ende unseres beruflichen Wirkens, wurde uns bewusst, wie sehr so manche Lehrerpersönlichkeit uns geprägt hat. Nach fünfzig Jahren schauen wir auf die Schulzeit zurück: Wir waren gut vorbereitet!

Literatur:
[1] Rückschau und Ausblick. Schulgeschichtliche und pädagogische Betrachtungen aus Anlass
des 125 jährigen Bestehens der Tellkampfschule Hannover. Herausgegeben vom Direktor und vom Kollegium der Tellkampfschule. Hannover 1960
[2] 150 Jahre Tellkampfschule; Höhere Bürgerschule-Realgymnasium-Tellkampfschule, Hannover 1985; Herausgeber: Tellkampfschule
[3] Th. Grabe/R. Hollmann/K. Mlynek/M. Radtke: Unter der Wolke des Todes leben ...,
Hannover im Zweiten Weltkrieg, Ernst Kabel Verlag Hamburg, 1963
849 Th. Grabe/R. Hollmann/ K.Mlynek: Wege aus dem Chaos, Ernst Kabel Verlag Hamburg, 1985
[5] Waldemar R. Röhrbein in: Hannoversches Biographisches Lexikon, Von den Anfängen bis in die Gegenwart, Hannover: Schlüter 2002, S. 263
[6] Klaus Mlynek, Waldemar R. Röhrbein: Hannover Chronik, Von den Anfängen bis zur Gegenwart, Zahlen, Daten, Fakten. Schlüter 1991
[7] Wolfgang Steinweg: HANNOVER-Bewegte Zeiten – Die 50er Jahre, Wartberg-Verlag, 3. Auflage 2001
[8] Herman Mayer: Adolf Tellkampf und seine Schule, in Geschichtsblätter, Neue Folge
Band 6 (1952-53) S. 365-386
[9] Schriften von Dr. Friedrich Roemheld:
Zur Frage der Lauttreue in der deutschen Rechtschreibung. In:
Jahrbuch 1955/56 des Schillergymnasiums in Hannover (Sonderdruck o.J.)
Zur Neuordnung der deutschen Rechtschreibung. In:
Zeitschrift "Muttersprache”, Jg. 1954, Heft 4, Heliand -Verlag Lüneburg
Änderung unserer Rechtschreibung? In: dto. Jg. 1954, Heft 6
Ist die deutsche Rechtschreibung hinter der Lautentwicklung zurückgeblieben? In:
dto. Jg. 1956, Heft 6
Werbeblatt Zwölf Leitsätze für die deutsche Schrift, Bund für Deutsche Schrift (o. J.)
[10] Rudolf Lange: Otto Gleichmann, Musterschmidt -Verlag , Göttingen, 1963
[11] Ernst Berneburg: Von Vertrauen und Geschichte, Verlag Heinrich Feesche, Hannover 1956