Aus: Geschichtsblätter, Neue Folge Band 6 (1952-1953), S. 365-386
Bei dem Autor handelt es sich um Dipl.-Ing. Dr.Hermann Mayer



Adolf Tellkampf und seine Schule

Von Herman Mayer

Ein Lebenswerk von nachhaltiger und umfassender Wirkung znr Vollendung zu bringen, ist wenigen Menschen vergönnt. Zu ihnen gehört der Gründer des Realgymnasiums am Georgsplatz. der jetzigen Tellkampfschule in Hannover, Dr. Adolf Tellkampf. Richtungweisend als Schulmann, bedeutsam als Mathematiker und Wegbereiter für astronomische und naturwissenschaftliche Kenntnisse, beachtlich als Dichter, hat er auch als Mensch durch seine starke Persönlichkeit maßgeblichen Einfluß in seiner Vaterstadt ausgeübt und weit in die Ferne gewirkt. Zur Pflege und Förderung der deutschen Kultur hat er wesentlich beigetragen in einer Zeit, als die geistigen Grundlagen durchaus schwankend geworden waren; als rationales Denken und Überschätzung der Technik die humanistischen Ideale bedenklich in Zweifel zogen und innen- und außenpolitische Krisen Deutschland und die Welt in Verwirrung brachten. Er half die deutschen Geistesgüter aus der Zeit des tausendjährigen alten Reiches römischer Tradition hinüberzuretten in ein wiedererstandenes Reich, das sie unserer Zeit weitergeben konnte. Lassen wir sein Lebensbild vor uns erstehen, so zeigt es einen Mann, der mit Festigkeit und Klugheit die Geschicke meistert.

Adolf Tellkampfs Vater war Sekretär des Oberbefehlshabers der hannoverschen Armee, des Reichsgrafen von Wallmoden. Er nahm mit ihm teil an der letzten großen Unternehmung des heiligen römischen Reiches deutscher Nation, dem Versuche, die französische Revolution niederzuschlagen, und machte den Rückzug nach Hannover mit. Hier wurde Adolf Tellkampf als erstes Kind am 23. Mai 1798 geboren. Seine Mutter starb im Jahr darauf, doch folgten noch sieben Geschwister aus einer zweiten Ehe des Vaters mit der Tochter des reitenden Försters Baum aus Weende. Von Wallmoden wohnte im Winter in seinem Haus am Markt, im Sommer in dem bekannten Lustschlößcben unweit der Herrenhäuser Allee, dem späteren Sommersitz des Königs Ernst August und heutigen Wilhelm-Busch-Museum.

Tellkampfs Vorname weist auf den Herzog Adolph von Cambridge hin, den damaligen Statthalter und späteren Vizekönig, nach dem die Adolf-Straße heißt und der noch heute in Hannover im besten Andenken steht. Der Familienname ”Tellkampf" rührt wie ,,von Campe, Camphausen, Holtkamp" von einer westfälischen Hofbezeichnung her und bedeutet: Abgegrenztes Feld mit Buschwerk, Telgen. Die Familie stammt aus Quakenbrück und letztlich aus Lintern and Gehrde bei Bramsche.

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Tellkampfs Jugend wurde von Kriegsereignissen und fremden Besetzungen überschattet. 1804 mußte sein Vater nach Bückeburg übersiedeln und 1809 die Verwaltung des Wallmodenschen Gutes Heinde, neun Kilometer südöstlich Hildesheim, übernehmen. Dort hatte 1793 die Hochzeit einer Tochter von Wallmodens mit dem Reichsfreiherrn vom Stein stattgefunden. Der Unterricht auf. dem Gute durch Hauslehrer wurde durch Mathematikstunden bei einem alten Ingenieur-Leutnant in Hildesheim ergänzt. Ein zweistündiger Anmarsch mußte dabei zweimal wöchentlich ia Kauf genommen werden. Dem jungen Adolf kamen die so mühsam erworbenen Kenntnisse im Planzeichnen sehr zustatten, als er 1813 nach der Schlacht bei Leipzig in ein Freiwilligenbataillon eintrat. Er erhielt bald ein Offizierspatent, aber der Verdruß an dem Kasernenleben der folgenden Friedensjahre steigerte sich fast zum Widerwillen gegen die eingeschlagene Laufbahn. Immerhin lernte er 1815 in Gent und bei der Besetzung Frankreichs nach der Schlacht von Waterloo, die er von ferne miterlebte, unter dem Befehl des Generals von Alten viele treffliche Menschen, auch unter den Franzosen, näher kennen, wobei er sich eine umfassende weltmännische Bildung aneignete. Mit 700 Talern Abfindung bezog er im Mai 1819 die Universität Göttingen, denn die akademische Laufbahn war sein höchster Wunsch:


Hier, wo den Musen Altäre man baut und Tempel Minerven,

hier, wo einst Hölty geweilt, lieblicher Dichtungen voll,

sehreib' ich, o Freund, dir wieder wie sonst im Schatten des Ölbaums

(soll ich die Wahrheit gestehn, wirft ihn die Linde herab).

Hätt ich doch nimme gedacht, so fremd seis mir in der Heimat

wieder zu pflegen, wie sonst, süßer behaglicher Ruh!

Wer sich seit Jahren gewöhnt an den Lärm der Trommel des Krieges,

klirrender Waffen Getön, lauscht in der Stille ihm noch.

Wahrlich, es geht ihm, betritt er die Flur vom Frieden gesegnet,

wie es dem Schiffer ergeht, wenn er vom schwankenden Kiel
setzt auf das Ufer den Fuß nach lang andauernder Meerfahrt:

Unter ihm zittert der Grund noch wie die Woge der See.

Ist mirs doch wie ein Traum, gedenk ich der flüchtigen Jahre,

die wie ein mächtiger Sturm schnell mir vorüber gerauscht.
Riesengroß stiegst du empor dem Auge, titanischer Heros,

blutiger Siege gewohnt, schwangst du aufs neue das Schwert,
und bei dem donnernden Ruf des Kriegsgotts bebten die Throne,

bebten die Herzen erschreckt von des Orkanes Gewalt
Aber die Göttin des Glücks, die wandelbare, verließ dich,

wiederum neigte der Sieg unseren Waffen, sich zu:
Da entführte das Meer dich fern zum einsamen Eiland,

wo dem Prometheus gleich zehrender Kummer dich nagt,

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daß gefesselt dich hält der Fels und müßig die Tatkraft,

immer zu herrschen gewohnt, sklavischer Ruhe sich fügt.

Seit dich Gewaltigen dort auf den Felsen gebannet die Meerflut,

leichter aufatmet die Brust, lastender Sorge befreit,
und laut jubeln die Fürsten, die Völker, fröhlich des Sieges.

jene mit vollerem Recht, nun sie gewonnen den Preis:
Denn wo der Könige Zwist entbrennt zu lodernder Flamme.

zahlet die Zeche das Volk: jenen gebühret der Kranz.
Aber fürwahr, nicht darf ich selbst mich beklagen, denn gütig

hat Fortuna auch mir goldene Beute gegönnt.

Was sie mir dort beschert, hier bring ichs den Musen zum Opfer,

und so zieh ich daraus doppelt und dreifach Gewinn,
rasch den metallenen Schatz umprägend in geistige Währung,

daß ich gesichert ihn mir schirme vor künftigem Verlust.

Strömet doch hier ringsum aus sprudelndem Borne die Weisheit,

jedem zu schöpfen bequem, hat er den Becher. zur Hand.

Welche der Quellen, so fragst du, ich mir ersehen? Ach Guter,

könntest du selber mir doch raten die treffende Wahl.

Hierhin zieht mich zugleich und dorthin treibt mich die Neigung,

und doch fühl ich, es gilt weise Beschränkung und Maß.

Tret in den Tempel ich ein der hohen unsterblichen Schwestern,

füllt mich Ihr Anblick mit Scheu und mir entschwindet der Mut:

Ach, Uranien möcht ich vor allen mich weihen; der hehren,

die zu den Sternen empor ziehet der Sterblichen Blick.

Kenn ich doch Würdiges nicht noch Schöneres, als in die Tiefen

sich zu versenken des Werks, welches der Ewige schuf,

drin zu erspähen Gesetz und Maß und ordnende Weisheit,

nachzudenken den Plan, welchen die Gottheit gedacht.

Aber auch das ist schön und würdig des edleren Geistes,

daß er sich freue der Kunst, welche das Leben uns schmückt.

Also dachten, die einst hier gewandelt, die Sänger des Hainbunds,

und wie die Wissenschaft war ihnen die Dichtung vertraut.

Warum sollte nicht mir vergönnt sein, Gleiches zu üben,

fühl ich gleich ihnen den Trieb, maßvoll zu bilden das Wort!

Freundlich vertragen sich ja die hohen; die himmlischen Schwestern,

warum verbände sich hier eines dem anderen nicht:
Wissen der Kunst, Verstand dem Gefühl und dem tieferen Inhalt,

wie er dem Geiste genügt, edle gefällige Form?

So laß immer mich denn ihr folgen, der wechselnden Neigung,

welche zu forschen mich bald, bald auch zu dichten mich treibt:

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Ist das Leben doch selbst ein Abbild schwankenden Wechsels,

jener mit lastender Wucht hernieder zieht er den Geist dir,

gleich der elastischen Flut hebet ihn dieser empor."

Die Eintragung in der Göttinger Matrikel besagt, daß ”Adolf Tellkampf, Fähnrich im Grenadier-Bataillon Verden, Vater Canzleirath in Braunschweig" sich zum Studium der Mathematik gemeldet hat. Damals stand das überragende Genie eines Karl Friedrich Gauß mit 42 Jahren auf der Höhe seines Ruhmes. Die Konstruktion des regelmäßigen. Siebzehnecks als Krönung der Theorie der komplexen Zahlen, die Entdeckung; des Fundamentalsatzes der Gleichungslehre und die. Bahnberechnung des kleinen Planeten Ceres hatten ihn zum ”Mathematicorum Princeps" und für die Jugend verehrungswürdig gemacht, und die eigens für ihn erbaute Sternwarte vor dem Geismartor, die beute noch eindrucksvoll ist, konnte als Tempel Uranias die jungen Studenten wohl anziehen. Doch war Gauß von der Verpflichtung, Vorlesungen abzuhalten, entbunden worden, da ihm das unzureicheude mathematische Können der Studenten kein Eingehen auf tiefere Probleme gestattete, worin er ja vor allem seine Lebensaufgabe erblickte. Dafür gab ihm die praktische Aufgabe der Gradmessung, die er damals unternahm, Gelegenheit, seine Methode der kleinsten Quadrate auszubauen, die Fehlerausgleichuug zu entwickeln und über Fragen der Kugelgeometrie nachzudenken, nebenbei auch noch ein Gerät zur Verwendung des Sonnenlichtes für Vermessungszwecke, den Heliotrop, zu erfinden. Es gelang Tellkampf, mit Gauß in nähere Verbindung zu kommen. Er schreibt darüber in seinen ,,Erinnerungen aus meinem Leben", die in der Festschrift zum hundertjährigen Bestehen des Realgymnasiums 1935 abgedruckt sind:

Im zweiten Studienjahre nahm ich die theoretische Astronomie zum Hauptgegenstand. Glücklicherweise fanden sich zwei andere Zuhörer, die mit mir, nicht ohne Befangenheit, von Karl Friedrich Gauß ein Privatissimum über sphärische und theoretische Astronomie erbaten. Wir freuten uns der Gewährung als einer besonderen Gunst, wenn wir auch große Schwierigkeiten nicht allein in der Sache, sondern namentlich in der Darstellungsweise von seiten des tiefsinnigen Denkers erwarteten; um so mehr waren wir überrascht in der Erkenntnis, wie sorgsam und wie rücksichtsvoll er auf alle nötigen Erläuterungen der Einzelheiten einging; die Schärfe und Klarheit seiner Entwicklungen gewährte einen hohen geistigen Genuß und machte mir jene Studien füir immer unvergeßlich."

Damals wird der junge Tellkarnpf eindringlich empfunden haben, wie die mangelhafte mathematische Bildung jener Zeit den Menschen eine ganze Welt verschloß und sie außerstand setzte, praktischen Nutzen aus der Mathematik zu ziehen. Vielleicht ahnte er schon seine Lebensaufgabe, die darin bestehen sollte, einen von der Zeit gebieterisch geforderten Schultyp zu schaffen, welcher der Mathematik, den exakten Naturwissenschaften und den neueren Sprachen ausreichenden Raum neben dem Lateinunterricht und der Leibeserziehung gewährte.

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Im "Winter 1820/21 mußte Tellkampf wegen eines tuberkulösen Leidens sein Studium unterbrechen. Er konnte erst im November 1821, im Elternhaus neu gestärkt, die Universität wieder beziehen.. Inzwischen hatte er aber nach Studium der Schriften des Aristoteles, Lukrez und Seneca. eine Preisaufgabe der philosophischen Fakultät bearbeitet, die er als Doktorarbeit einreichen konnte. Sie war betitelt: ”Historiae criticae variarum opinionium quae circa corporum formam fluidam aut firmam hucusque in lucem prodiere adumbratie" (Abriß einer Kritik der Geschichte der verschiedenen Meinungen, die über die flüssige oder feste Form der Stoffe bisher ans Licht gekommen sind). Im März 1822 legte er die Doktorprüfung ab, die im mathematischen Teil in lateinischer, im physikalischen in deutscher Sprache abgehalten und mit einer öffentlichen Dis- putation gekrönt wurde. An ihr nahm sein späterer Freund, der nachmalige Senior Bödeker, teil. Dann begann er die Laufbahn eines akademischen Lehrers mit einer Vorlesung über mathematische Geographie und erwarb die Facultas Legendi. Im Privatunterricht zählte er auch den jungen Herzog Wilhelm von Braunschweig zu seinen Schülern. In dieser Zeit entstand seine ”Darstellung der mathematischen Geographie mit besonderer Rücksicht auf die geographische Ortsbestimmung", die heute noch als Einführung in die sphärische Trigonometrie brauchbar ist. Sie behandelt also ein Gebiet der angewandten Astronomie, wendet sich aber nur an solche Leser, die im Gebiete der Mathematik nicht mehr Neulinge sind.

Ein Rückfall des Leidens und die verschlechterte wirtschaftliche Lage des Elternhauses zwangen aber bald den jungen Privatdozenten, die hoffnungsvoll begonnene Laufbahn abzubrechen und nach der Genesung Ostern 1824 eine Stellung als Mathematiklehrer am Gymnasium in Hamm anzutreten. Hier schrieb er die vortreffliche ”Vorschule der Mathematik", die bald in vielen Teilen Deutschlands zum Schulbuch wurde und 1864 die sechste Auflage erlebte, sowie die ”Anfangsgründe der chemischen Naturlehre". ”Es gelang mir, die Schüler mit der Mathematik zu befreunden, ihnen deren logische und praktische Bedeutung fühlbar zu machen und sie zu ernster Beschäftigung mit ihr zu veranlassen. An dem großen Werke der Jugendbildung zu arbeiten, ihm meine besten Kräfte zu widmen, erfüllte mich mit Befriedigung, der auch die Tatsache keinen Abbruch tat, daß ich hier mit jüngeren Schülern als auf der Universität zu tun hatte, denn ich sah, mit welcher Teilnahme und Hingebung sie meinen Unterricht aufnahmen." Auch musikalisch betätigte sich der junge Mathematiklehrer und spielte Quartette von Mozart, Haydn und Beethoven: ”Die Aufgabe des Violoncells ging in den Prestosätzen freilich oft über meine Kraft hinaus. Der allgemeine Eifer fiir die Tonkunst riß damals alle mit sich. Oratorien wurden auf geführt, auch mich ergriff das Verlangen nach tieferen musikalischen Studien, deren Ergebnis ich in verschiedenen Aufsätzen an die Leipziger allgemeine musikalische Zeitung lieferte."

Im Jahre 1826 heiratete Adolf Tellkampf die Tochter des Justizrats Keller in Hamm, die ihm eine treue Lebensgefährtin wurde und ihm drei Töchter und einen Sohn schenkte. Auch sie hatte früh die Mutter verloren, aber in der

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Schwester des Astronomen Bessel eine liebevolle zweite Mutter gefunden. Trotz der damals schlechten Verkehrsverhältnisse mit Postkutschen auf kaum befestigten Straßen machte Tellkampf Reisen an den Rhein und ausgedehnte Fußwanderungen an Ruhr und Lenne. Da trat im Jahre 1835 die große Aufgabe des Lebens an ihn heran. Der für Hamm zuständige Oberschulrat Friedrich Kohlrausch, der wie Tellkampf aus einer althannoverschen Familie stammte, war 1830 zur Leitung und Erneuerung des Schulwesens im Königreich Hannover in seine Vaterstadt berufen worden. Als nun auf seinen Vorschlag der Stadtdirektor Rumann - sein Bild hing im Schulgebäude am Georgsplatz bis zu dessen Zerstörung 1943 - die Gründung einer höheren Bürgerschule im Sinne der Zeiterfordernisse plante, wurde Tellkampf zum ersten Direktor der Schule ausersehen.¹)

Wir können uns vorstellen, mit welchem Eifer der 37jährige die ihm gestellte Aufgabe anfaßte, um das in ihn gesetzte große Vertrauen zu rechtfertigen. War schon die Gründung einer neuartigen, allein von der Bürgerschaft getragene Schule, die die verschiedensten Wünsche befriedigen sollte, ein Wagnis, so häuften sich die Schwierigkeiten für den jungen Direktor noch. Besonders, da von seinem Geschick in der Auswahl der Lehrkräfte, des Lehrplans, ja des Schulgebäudes. alles abhing. Aber er war ”von Natur zu ruhiger Betrachtung der Dinge und geduldiger Bekämpfung von Hindernissen geneigt".

Tellkampf nahm zunächst bei seinen Eltern Wohnung - sein Vater war inzwischen Oberrevisor beim königlichen Konsistorium der Landeskirche geworden -, die Familie aber fand Unterkunft bei Adolfs Schwester, Frau Trott, deren Mann in Ricklingen ein Erziehungsinstitut für junge Engländer leitete. Die bald darauf bezogene Wohnung in der Friedrichstraße wurde später mit einer im Hause Wilhelmatraße 3 vertauscht. Sein Nachbar war Joseph Gauß, Oberbaurat der hannoverschen Eisenbahndircktion, der älteste, Tellkampf von Göttingen her bekannte Sohn des großen Karl Friedrich Gauß. So kam es, daß dessen einziger in Deutschland geborener Enkel 1860 in Tellkampfs Schule aufgenommen wurde und sie besuchte, bis ihn das vom Vater erworbene Rittergut Lohne bei Neuwarmbüchen in Anspruch nahm. Im letzten Lebensjahrzehnt wohnte Tellkampf Landschaftstraße 1, Ecke Sophienstraße,

Zum Aufbau der neuen Schule setzte der junge, 1834 zum Professor ernannte Direktor seine ganze Kraft ein. Doch fand er noch Zeit zu wissenschaftlichen Studien, zu literarischer Betätigung und abendlicher Erholung im Familienkreise. Auch wanderte er regelmäßig an Mittwochnachmittagen in Gesellschaft der Familien Kohlrausch, Pertz und anderer Freunde durch die Eilenriede zum Steuerndieb. Die engsten Beziehungen verbanden ihn mit Bödeker, dem Pastor der Marktkirche und bekannten Wohltäter der Armen; auch mit dem Direktor der damaligen polytechnischen Schule., Karmarsch, und dem Komponisten und Kapellmeister Marschner pflegte er geselligen Verkehr. Pestalozzi, der ja schon 1827 starb, wurde von Tellkampf besonders verehrt,

l ) Fr. Kohlrausch, Erinnerungen aus meinem Leben. Hannover 1863. Seite 273 und 326.

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So ist es verständlich, daß er 1845 zur Gründung der Pestalozzistiftung in Hannover aufrief, einer für das Land Niedersachsen höchst segensreichen Einrichtung, die jetzt in Großburgwedel die Fürsorge verlassener Kinder übernimmt. Dem Verwaltungsrat der Stiftung gehörte er bis zu seinem Tode an.

Auf einer Ferienreise ins Rheinland im Jahre 1865 lernte Tellkampf Fritz Reuter näher kennen. Er war mit ihm täglich zusammen and besprach mit ihm das Manuskript zu ”Dörchläuchtung"2). Ein in Reuters Werken veröffentlichter Brief an Professor Tellkampf, geschrieben in Eisenach am 11. November 1866, sagt: ”Nicht wahr, mein herzlieber Freund, wenn einer einen so nennt, wie ich soeben, dann muß einer sich gegen einen auch so betragen, daß einer einen so wiedernennen kann, und das habe ich nicht getan; zu meiner Schande sei's gesagt: ich habe Sie über Gebühr auf Ihre freundlichen Briefe warten lassen. Entschuldigungen habe ich wohl, aber die will ich Ihnen doch lieber ersparen; denn jede Entschuldigung kommt mir vor, wie das Stroh, in dem einmal die Körner gesessen haben; ich bitte Sie daher lieber, beifolgenden dicken Strich

( ————— ) über meine Sünden zu machen. —

Herzlichen Dank für die Übersendung der Bücher; mit unendlicher Freude und mit unbedingter Zustimmung in der Gesinnung habe ich Ihre Spezial-geschichten über die sackermentschen Franzosen gelesen . . . Ich kann mir vorstellen, daß mancher brave Landsmann von Ihnen, und Sie selbst vielleicht, mit Trauer die Selbständigkeit Ihres Landes dahinfahren sehen; für meine Person muß ich aber bekennen, daß ich mit dem Ausgang des Dramas sehr zufrieden, bin . . . Wir haben hier in diesem Sommer sehr viel erlebt, denn, wie Sie wissen, entspann sich der Kampfplatz (Falstaff!) hier in unserer unmittelbarsten Nähe . . . Ein jämmerlich unverständig Geschrei von Plünderung ging durch die Straßen . . . Was, sage ich, plündern? Die armen Kerle werden hungrig sein, wenn sie kommen; setzt Fleisch und Brot und Wein auf den Tisch! Tags darauf war die unglückliche Schlacht von Langensalza . , . Mit Liebe und Treue

Ihr Fritz Reuter."

Auf weiten Reisen, die seit der Eröffnung der ersten Eisenbahnlinie in Hannover im Jahre 1844 schneller vonstatten gingen, knüpfte Tellkampf Beziehungen zu andern bedeutenden Persönlichkeiten an, so zu Alexander von Humboldt, mit dem ihn ebenfalls Briefwechsel verband. Nicht umsonst steht daher dessen Standbild, am Globus kenntlich, noch heute an dem Schulgebäude am Georgsplatz, wenn auch Tellkampf selbst für die anfangs leere Nische ein Standbild des Astronomen Kepler vorgeschlagen hatte. Daß sich Tellkampf dem Werke des großen Leibniz verpflichtet fühlte, dessen Nachlaß im Staatsarchiv Hannover zum Teil noch heute der Bearbeitung harrt, geht daraus hervor, daß er die lateinische Abhandlung ”Protogaea" - über die Bildung der Erdoberfläche - von Leibniz ins Deutsche übersetzte. So ist Adolf Tellkampf ein wesentliches Glied in der Kette, die uns mit den Geistesgrößen vergangener Jahrhunderte verbindet.

  1. Karl Theodor Gaedertz, Aus Fritz Reuters jungen und alten Tagen, Wismar 1896, Seite 115 nnd 119.

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Wenn wir nun zur Darstellung seines Lebenswerkes die lange Reihe von Schriften aus seiner Hand durchgehen, finden wir in der scheinbaren Mannigfaltigkeit doch klar zwei Richtungen seines Wesens zum Ausdruck kommen, die exakt-naturwissenschaftliche und die schöngeistige, wie er ja auch als Lehrer der Prima im Deutschen einerseits und in Mathematik and Physik andererseits beide gleich stark ausgebildete Neigungen für die Jugenderziehung fruchtbar machte. Im tiefsten Innern blieb Adolf Tellkampf seiner Muse Urania ergeben. Zwar konnte er nicht beobachtend oder rechnend in der astronomischen Wissenschaft tätig eein wie Karoline Herschel, die Schwester und Mitarbeiterin des großen Wilhelm Herschel, die seit 1822 in der Braunschweiger Straße, nahe der Schule, wohnte und 1848 auf dem Gartenfriedhof bestattet wurde. Aber er verfaßte neben einem 1862 veröffentlichten Vortrag in der Naturhistorischen Gesellschaft über Johannes Kepler auch 1853 eine ausführliche Darstellung des astronomischen Wissens für Leser ohne mathematische Kenntnisse und zwar in einerr äußerst liebenswürdigen Form: ”Asträa, Briefe über Astronomie an eine Dame." Der Titel ist von asträus, zu den Sternen - astra - gehörig, abgeleitet, er bedeutet anch Sternenjungfrau und kann sich sowohl auf das dargestellte Gebiet, als auch auf die angeredete fingierte Dame beziehen. Er erinnert überdies an den 1845 entdeckten Himmelskörper gleichen Namens. In den 42 Briefen gibt. Tellkampf eine Einführung in die Astronomie, die viele, zumal junge Leser entzückt, dabei zu eigener Beobachtung und ernstem Nachdenken anregt,. Alllerdings scheute sich Tellkampf als würdiger Mathematiklehrer und Schulleiter öffentlich als der Verfasser eines Buches zu erscheinen, das die Abneigung des angeredeten Lesers gegen die Mathematik zur Voraussetzung hat. Er wählte das Pseudonym F. E. Bernhardi, wir wissen aber von Tellkampfs Nachkommen, wie auch aus Poggendorffs Biographisch-literarischem Handwörterbuch, das einige Jahre später erschien, wer der wahre Verfasser war. Die Stelle über den Saturn sei mitgeteilt: ”Die Erklärung dieser verschiedenen Ansichten ist. sehr einfach, wenn man überhaupt weiß, daß man es dabei mit einem verhältnismäßig sehr dünnen Ringe zu tun hat, und dabei bedenkt, mit stets gleichbleibender Richtung seiner Drehungsachse die Bahn der Erde in einer zehnmal größeren Bahn umkreist. Wenn ich schon wiederholt meine Zuflucht zu dem Experiment mit einer, um eine Stricknadel sich drehende Kugel genommen habe, um Vorgänge am gestirnten Himmel durch dieses einfache Modell zu erläutern, so finde ich hier dazu von neuem Veranlassung. Ich habe Sie nur zu ersuchen, um die Kugel noch einen aus starkem Papier geschnittenen, etwas breitern Ring zu legen, so daß er senkrecht gegen die Drehungsachse stehe, und dann diese letztere in immer gleichbleibender Richtung um Ihr Auge im Kreise umherzuführen. Sie werden sich dadurch nicht allein sämtliche Ansichten, welche Saturn allmählich darbietet, im Abbilde verschaffen, sondern auch der Ursache dieser wechselnden Erscheinungen vollkommen bewußt werden.

Allerdings würden Sie, um Ihr kleines Modell der Wirklichkeit entsprechend einzurichten, nicht allein den Abstand des Ringes von der Kugel des Planeten,

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sondern auch die Trennung in zwei Ringe, durch schwarze Raume auf Ihrer Papierscheibe versinnlichen und endlich noch die Größenverhältnisse berücksichtigen müssen, zu welcher Absicht ich die untenstehende Zeichnung beifüge. Ich bemerke dabei, daß den Messungen zufolge, welche man an sehr genauen Instrumenten vorgenommen, der Durchmesser des Planeten selbst 17000, und der des äußeren Ringes 38000 Meilen beträgt. Die erst in neuerer Zeit näher bestimmte Dicke des Ringes scheint nicht mehr als 22 Meilen zu betragen, was gegen seine Breitenausdehnung ein in der Tat auffallend geringer Wert ist,

Bei den meisten seiner oben angegebenen Stellungen fällt begreiflich ein Schatten von ansehnlicher Breite auf die erleuchtete Hälfte der Kugel des Saturn, den man denn auch in stärkeren Fernröhren sehr deutlich als einen dunkeln Streifen auf der hellen Scheibe des Planeten wahrnimmt. Nur dann, wenn die Sonnenstrahlen in der Ebene des Ringes selbst auf denselben fallen, zieht jener Schattenstreifen sich zu einer schmalen Linie zusammen. Hieraus läßt sich die große Verschiedenheit in der Beleuchtung des Planeten während seines Umlaufs um die Sonne abnehmen, die um so beträchtlicher erscheint, wenn man sie auf die verschiedenen Standpunkte der Saturnbewohner bezieht. Denn während der halhen Dauer seines Umlaufs, d.h. etwa 15 Erdenjahre hindurch, wird die von der Sonne abgewendete, also winterliche Hälfte des Saturns überdies noch von einem beträchtlichen Teile jenes Ringschattens in Nacht gehüllt, und dabei ist ihr fortwährend nur die dunkle Seite des Ringes zugekehrt. Die Bewohner der andern Hälfte aber haben außer dem Anblick der Sonne zugleich den der von ihr erleuchteten Ringfläche, welche sich wie ein lichter Bogen über ihrem Haupte wölbt."

Und gegen Ende des Buches: ”Also das Haar der Berenice wie die Plejaden, die Nebelflecke im Orion wie in der Andromeda haben Sie mit unermüdlichem Eifer durchspäht, soweit Ihr Fernrohr es gestatten wollte! Wohl haben Sie recht, daß der Eindruck des unmittelbaren Anblicks jener fernen, gedrängten Sternenweltcn ein unbeschreiblicher und das Gemüt mit stiller Gewalt ergreifender ist. Das Gefühl menschlicher Kleinheit verschmilzt mit der Freude, einen tieferen Blick in die reiche Werkstatt des Schöpfers zu tun, und zahllose Erzeugnisse seiner Allmacht in so kleinem und doch so weitem Räume vereint bewundern zu können! Durch einen solchen Einblick in des Himmels fernste Räume fühlen wir uns gedemütigt und emporgehoben zugleich, und unsere Seele ist voll Ruhe uud stiller, wortloser Anbetung!"

Solche erhabenen Töne im Munde eines Mathematikers lassen uns eine starke romantische Veranlagung ahnen. Sie lag im Stile der Zeit, entfaltet sich doch im Anfang des 19. Jahrhundert die romantische Dichtung. Aus ihr veranstaltete Tellkampf eine Anthologie: ”Phantasus, Auswahl aus erzählenden Dichtungen der Romantiker mit einleitenden Bemerkungen über die romantische Schule". Sie enthält phantastische Geschichten von Ludwig Tieck, Novalis, von Arnim, Brentano, Kleist, Fouqué, Chamisso, Eichendorff, E. T. A. Hoffmann, Justinus Kerner und H. Steffens. Wieder verschweigt Tellkampf seinen Namen, obwohl er sich

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schon als Lyriker und auch als Epiker unter die Dichter zählen konnte. Hatte er doch im Jahre 1850 unter seinem vollen Namen ein an ”Hermann und Dorothea" erinnerndes Epos ”Irmgard, ein Gedicht in zwölf Gesängen" erscheinen lassen3). Die Handlung spielt in Thüringen in der Zeit der Befreiungskriege. Napoleon und Blücher greifen darin persönlich in das Schicksal eines liebenden Paares ein. Und eine Anzahl lyrischer Dichtungen, wie das am Schluß wiedergegebene Wanderlied, ließ Tellkampf zusammen mit seinen ”Erinnerungen aus meinem Leben" für die Nächstbefreundetcn als Manuskript drucken, so daß sie nur in wenigen Exemplaren erhalten sind. Sie zeigen uns ein fühlendes Herz, das in Freud und Leid überquillt und in klingenden Versen seine Harmonie wiederfindet. Wahrhaft ergreifend ist sein ”Sonettenkranz auf meines Kindes Grab".

Tellkampfs eigentliches Bemühen galt natürlich seiner Schule, und so ist es verständlich, daß außer wissenschaftlichen Arbeiten, dabei einer in lateinischer Sprache, seine sonstigen Veröffentlichungen mit der Schularbeit in engem Zu­sammenhang stehen. Sie sind meist in den Jahresberichten der Schule zu finden, die bis 1875 immer eine Abhandlung enthielten.

Sie zeigen, daß Tellkampf richtungweisend auch für Physik- und Chemieunterricht war, indem er Experiment and Mathematik darin gleicherweise be rücksichtigt wissen wollte: ”Zur mathematischen Behandlung der Chemie, 1840"; ”Über die Experimentalphysik als Unterrichtgegenstand, 1850"; .”Über die subjektive Zeitmessung in deutscher Musik und Dichtung,. 1857" (schon um 1830 in mehreren Aufsätzen behandelt).

Doch hieße es Tellkampf einseitig sehen, wenn man seine rege Anteilnahme- am politischen Leben vergessen wollte. Schon durch seinen Bruder Johann Ludwig, der 1837 zugleich mit den Göttinger Sieben das Hannoverland verließ; als hervorragender Jurist nach einem Aufenthalt in dem Vereinigten Staaten Universitätsprofessor in Breslau, Mitglied des Verfassungsausschusses des Parlaments Frankfurt und später des preußischen Herrenhauses wurde, Blick sehr geweitet; so kann es nicht wundernehmen, daß er ein aufrichtiger F'reund der deutschen Einigungsbestestrebungen war. Er gab im Jahre 1860 eine Sammlung vor Frankreich warnender Schriften unter dem Titel ”Die Franzosen in Deutschland" heraus. Auch als Mitglied der Ersten Kammer des Königreichs Hannover beteiligte er sich aktiv am politischen Geschehen.

Ein besonderer Höhepunkt in Tellkampfs ereignisreichem Leben war der 3. Mai 1854, an dem das uns allen vertraute Schulgebäude am Georgsplatz eingeweiht wurde, für Generationen ein Ort der Arbeit und Mühe, aber auch der Freude und Erbauung. Vorher war die Schule in einem früheren Privathause am .Ägidientorplatz, dort wo die Prinzenstraße zwischen Stadtgraben und Schiffgraben einmündet, untergebracht, einem Gebäude, das von vornherein unzureichend schien. Als nun auch das Ratsgymnasium im Jahre 1847 sein

3) E. Rosendahl, Adolf Tellkampf als Dichter, Hannoversche Gcschichtsblätter 1932. S. 318, and Niedersächsische Literaturgeschichte vom gleichen Verfasser 1932, S. 141.

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Sehulhaus am Friederikenplatz räumen mußte,, weil zwischen Schloß und Water-looplatz nach dem Wunsche des Königs Ernst August freier Raum geschaffen werden sollte, da beschloß die Stadtverwaltung, auf dem Gelände des nun zu-geschütteten Stadtgrabens am Georgsplatz ein gemeinsames großes Schulgebäude aufzuführen. Noch heute ist jeder Besucher Hannovers angenehm überrascht, an der Hauptverkehrsstraße, nur durch Grünanlagen von ihr getrennt, zwei stattliche Bauten zu finden, die nicht der Verwaltung oder dem Gelderwerb, sondern Kunst und Wissenschaft dienen: das ehemalige Hoftheater und die höheren Schulen am Georgsplatz. Man hätte damals ebensogut die Jugend in nüchterne Zweckbauten vor die Stadttore verweisen können, aber die einsichtigen Stadtväter, ermuntert durch Adolf Tellkampf (”Wozu ein kostbarer Schulbau?" Hannoversches Magazin 1848. Seite 137), fanden es mutig, für 393000 Mark gerade an der schönsten Straße der Stadt ein reich ausgestattetes und geschmücktes Gebäude von vollendeter Zweckmäßigkeit - überdachter Wandelgang in Arkadenform für Regenwetter! - hinzustellen, als Zeichen, daß Wissenschaft und Schulbildung in Hannover ebenso wie die Kunst besonders gepflegt und gefördert werden. Man kann sagen, daß sich diese Einstellung auf das beste bewährt hat. denn die dort angesichts des städtischen Treibens gebildete Jugend hat sich immer dieser Stadt auf das Engste verpflichtet gefühlt und aus dem in sie gesetzten Vertrauen den Schluß gezogen, daß sie als beachtliches Glied des Ganzen eigene Leistungen vollbringen müsse.

Im einzelnen wies der Schulbau schon von vornherein zweckentsprechende Einrichtungen auf. Ein chemisches Laboratorium mit verschließbaren Arbeitsplätzen plätzen für die Schüler, eine Werkstatt füt den. Physikalischen Unterricht und reichhaltige Sammlungen wurden auf Kosten der Stadt hergerichtet ”und außerdem empfing sie manches wertvolle Geschenk dieser Art aus den Händen wohlwollender Mitbürger". Auch eine mineralogisch-geognostische Sammlung wurde angelegt und. durch Ausflüge bereichert. Das entsprach den besonderen Kenntnissen Tellkampfs, die er in einer als Anhang zum Chemiebuch gedachten Schrift ”Übersicht der beachtungswerthesten Mineralien und Gesteinsarten, Hannover 1839" niedergelegt hatte. Sein Großvater war ja königlicher Berghandlungsschreiber in Hannover gewesen, und die geologiscbe Forschung stand damals durch die aufsehenerregenden Versteinerungsfunde am Lindener Berge, die Aufschließung der Deisterkohle und neue Erkenntnisse im hannoverschen Jura hier in hoher Blüte.

Der Glanzpunkt des neuen Schulgebäudes war aber die große festliche Aula, zu deren Ausschmückung mit Büsten berühmter Männer auch die Schüler wesentlich beitrugen. Luther und Melanchthon, Goethe und Schiller. Herder und Wieland, Winckelmann und Johannes Müller, Klopstock und Lessing, August Wilhelm Schlegel und Hölty, später auch Bach und Händel grüßten aus der Nischen zwischen den Fenstern und gaben dem Ganzen ein festliches Gepräge. Das hohe Gestühl, der erhöhte Chor mit dem Rednerpult und die Galerie zu beiden Seiten sind noch allen Hannoveranern in guter Erinnerung, denn als Vortrags- und Konzertsaal war die Aula der Hohen Schulen am Georgsplatz wegen ihrer guten

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Akustik sehr geschätzt. Als Aula aber war sie, der lateinischen Bedeutung des Wortes gemäß, schon durch die wuchtige Architektur ihrer Rundbogen voll Würde und Feierlichkeit.

In diesem schönen Gebäude konnte Adolf Tellkampf noch weitere 15 Jahre am Ausbau seines Lebenswerkes bis zu seinem Tode am 9. März 1869 segensreich wirken und seinen Geist der Schule mitgeben. Vierunddreißig Jabre, mehr als ein Dritteljahrbundcrt, hat er die Schule vortrefflich geleitet, als einer der ersten Schulmänner seiner Zeit fortwirkend bis auf den heutigen Tag, denn der von ihm geprägte Charakter ist der Schule geblieben, und ihm nachzueifern gilt als hohes Ziel für Lehrer und Schüler. Wie er von seiner Zeit gesehen wurde, lesen wir nr den Worten seines Nachfolgers: ”Organisatorisches Talent, verbunden mit pädagogischer Einsicht, rastlose Tätigkeit gepaart mit Ordnungsliebe, feines Wesen im geschäftlichen Verkehr sowie ein richtiger Takt in der Behandlung der Personen wie der Sachen: das waren die schätzenswerten Eigenschaften, die der Tätigkeit des ersten Direktors der Anstalt einen so segensreichen Erfolg gesichert haben. Auch dem kenntnisreichen, treuen und gewissenhaften Lehrer ist ein liebevolles Andenken zu bewahren. Die Vielseitigkeit seiner Kenntnisse und geistigen Interessen, der sittliche Ernst seines Wesens, die Richtung seines Geistes auf das Ideale mußten in mittelbarer und unmittelbarer Weise anregend und befruchtend auf Geist und Gemüt seiner Schüler einwirken."

Manche Wandlungen hat Tellkampfs Schule inzwischen durchgemacht. Die Bezeichnung ”höhere Bürgerschule" wurde 1868 in Realschule erster Ordnung und 1882 in Realgymnasium I geändert. Damit war die Möglichkeit zur Erlangung der Hochschulreife gegeben. Als dann die Reform von 1936 die heute noch gültige Bezeichnung ”Oberschule für Jungen" einführte ergab sich die Notwendigkeit, einen kennzeichnenden neuen Namen zu suchen, da die historische Benennung Realgymnasium nicht mehr zu halten, war. Nichts lag näher, als den. Namen des Gründers, dessen Stempel sie trug, zu wählen. So heißt sie seit 1936 Tellkampfschule und hat damit einen Namen, der sehr viel mehr besagt als die Namen anderer Schulen, die keine innere oder gar traditionsmäßig gegebene Verbindung mit ihrem Taufpaten haben. Aus Tellkampfs Schule sind mehrfach andere Schulen abgezweigt worden, so schon 1837 die höhere Handelsschule, die allerdings bis 1852 unter Tellkampfs nomineller Leitung blieb, und 1877 die Leibnizschule, von der sich 1902 die Herschelschule in der Tellkampfstraße abspaltete. Diese Straße war schon 1893 zu Ehren von Adolf Tellkampf benannt, aber die später dort eingerichtete Herscbelschule hatte mit ihm nichts weiter gemein, als daß sie als Enkelin von Tellkampfs Schule gelten konnte.

Die vielen Änderungen im Lehrplan und Lehrverfahren., die seither, den Zeiterfordernissen und Zeitströmungen Rechnung tragend, erfolgt sind, haben der guten Tradition der Schule keinen Abbruch getan, selbst der Verlust der Vorschule im Jahre 1919 und das zeitweilige Einbüßen des neunten Schuljahrs, der Oberprima, haben den Willen zum fröhlichen Weiterbau auf der gegebenen Grundlage nicht geschwächt, und nur das Schrumpfen des Lateinunterrichts, der schon von Tellkampf zäh gegen den Utilitarismus verteidigt

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wurde, wird von vielen Freunden der Schule mit Sorge betrachtet, obwohl alles daran gesetzt wird, daß damit nicht ein Schwinden von Idealen und klassischer Bildung überhaupt sich verbindet. Dagegen dürfte die zeitnotwendige Zunahme eines geregelten Turn- and Sportunterrichts und der musischen Fächer allgemeinen Beifall finden, wie auch die Einrichtung des Landheims in Springe 1929 die freudige Mitarbeit der Schüler weckt. Trägt doch seine Pforte die bezeichnende lateinische Inschrift; ”Laeti discipuli, laeti magistri!” Fröhliche Schüler, fröhliche Lehrer!

Als äußeres Zeichen der Verehrung, die heute noch Schule und Stadt einem ihrer größten Bürger darbringen, ist im Jahre 1950 von dem Altschüler und Bildhauer F. Sötebier eine eindrucksvolle Bronzebüste Adolf Tellkampfs geschaffen und in dem zur Zeit benutzten Schulgebäude aufgestellt worden, eine Mahnung und Verpflichtung, sein Werk zu erhalten, zu entwickeln und zu nutzen.

Möge dazu bald auch in einem würdigen eigenen Schulgebäude Gelegenheit sein, sei es, daß das alte am Georgsplatz wieder hergestellt wird, oder daß in ähnlich günstiger Lage, ein Neubau entsteht, der die Tradition nicht abreißen läßt! Das ist der Wunsch aller, die mit der Tellkampfschule innerlich verbunden sind und in ihr weniger eine Ausbildungsstätte als vielmehr eine Heimat für wachsende Seelen sehen. Dann wird die ethisch-christliche Grundlage, die Tellkampf legte, noch weiterhin reiche Früchte bringen.

Schriften von Adolf Tellkampf

in Buchform:

  1. Darstellung der matbematischen Geographie mit besonderer Rücksicht auf geographische Ortsbestimmung. Mit numerischen Anlagen und zwei Kupfertafeln. Hannover 1824 160-+VIII Seiten 4°

  2. Vorschule der Mathematik. Mit neun Kupfertafeln. Berlin 1829. 6. Auflage 1864. 472 + XV 8°.

  3. Anfangsgründe der chemischen Naturlehre, für den Schulunterricht bearbeitet. Hamm 1831. 68 Seiten 8°.

  4. Übersicht der beachtungswerthesten Mineralien und Gebirgsarten. Hannover 1839 (ohne Namensangabe), 16 Seiten 8°.

  1. Die Verhältnisse der Bevölkerung und der Lebensdauer im Königreich Hannover, ein Beitrag zur Statistik Deutschlands. Hannover; 1846 (zunächst im Hannoverschen Magazin 1845 erschienen) mit fünf lithographischen Tafeln. 120 +XXXXII 4°

6. Irmgard. Ein Gedicht in zwölf Gesängen. Hannover 1850. 210 Seiten 120.

7. Asträa. Briefe über Astronomie an eine Dame. Mit erläuternden Holzschnitten und einer Sternkarte. Von F. E. Bernhardi (Pseudonym). Hannover 1853. 387 + VI 12° 2. Aufl. 1858.

8. Phantasus. Eine Auswahl aus erzählenden Dichtumgen der Romantiker. Mit einleitenden Bemerkungen über die romantische Schule. Hannover 1853. (Enthält: Phasus´ Einkehr nach Tieck, Säugerglück von Novalis, der tolle Invalide von Arnim, der Ring Salomonis von Brentano, das Erdbeben von Chili von Kleist, Morayzela von Schlegel, des Fürsten Schwert von Fouqué, Peter Schehmil von Chamisso, die wilde Spanierin von Eichendorff, Antonie von Hoffmann, die Heimatlosen von Kerner, Gebirgsmärchen von Steffens.) 502 Seiten 8°.

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9. Physikalische Studien. Eine Reihe naturwissenschafrlicher Abhandlungen.

Hannover 1854. 8°



10. Die Franzosen in Deutschland. Historische Bilder, herausgegeben von A. Tellkampf. Hannover 1860. 3. Aufl. 1864. 350 + VIII Seiten 8°

(Enthält: 27 Auszüge älterer Schriften von Adani, Beitzke, Drayser, Pertz, Perthes, Häusser, Scherer, Schlosser´s Weltgeschichte u. a.)



11. Zerstreute Blätter. Für die Nächstbefreundeten gesammelt und als Manuskript gedruckt. 114 Seiten 8°. (Enthält: Gedichte aus den Jahren 1816 bis 1854, Nachdichtungen nach Victor Hugo. Th. Moore, Byron und Th. Hond, Oden, Elegien, Sonette, Waldlieder, Wanderbilder, frische Lieder, Epistel, An die Muse, Bekenntnis, Balladen, ferner Erinnerungen aus meinem Leben und zwei romantische Erzählungen.)



Handschriften



12. 115 Briefe Adolf Tellkampfs an seinen Bruder Ludwig. Kestnermuseum Hannover.

13. 7 Briefe Adolf Tellkampfs an Gauß. Univers. Bibliothek Göttingen.



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